Von Horst Bieber

Im dritten Anlauf hat er es geschafft, Präsident von Ecuador zu werden. Mitte vergangener Woche übernahm Rodrigo Borja Cevallos offiziell sein Amt: Machtwechsel in einem kleinen Andenstaat Lateinamerikas, der etwas größer ist als die Bundesrepublik, aber nur knapp zehn Millionen Einwohner zählt. Ecuador macht derzeit die schwerste Wirtschaftskrise der letzten 50 Jahre durch. Gleichwohl ist es von Terror und innerer Unruhe weitgehend verschont geblieben. Zahlreiche Präsidenten, Regierungschefs und Außenminister waren zum Amtsantritt Borjas in die Hauptstadt nach Quito geeilt, unter ihnen Fidel Castro, der dem neuen Präsidenten – beinahe – die Show stahl: Mit Borja beginnt ein neues Experiment in der an Experimenten reichen politischen Geschichte Südamerikas.

Denn Borja nennt sich selbst einen Sozialdemokraten. Diese Bezeichnung ist nicht ungefährlich: Die lateinische Rechte wittert dahinter den kommunistischen, planwirtschaftlichen Pferdefuß. Die Linke wiederum denunziert die Sozialdemokratie als verkappten Agenten des Kapitals, der Vereinigten Staaten und des Doppelungeheuers Weltbank/Weltwährungsfond. Den Populisten endlich, den unverantwortlichen und verantwortungslosen Demagogen, erscheint sozialdemokratische Programmtreue und Rationalität als Blutleere, aus der kein Mitleid für die Armen erwachsen könne, für die sie selbst allerdings nur pathetische Worte übrig haben. Daß Borja und seine Partei, die "Demokratische Linke" (inzwischen Mitglied der Sozialistischen Internationale), unter diesen Umständen Erfolg haben konnten, ist ein kleines Wunder. Und aus kleinen Wundern ziehen die unverbesserlich optimistischen latinos immer wieder große Hoffnungen.

Sie haben sich bislang nicht erfüllt, auch bei den Nachbarn Ecuadors nicht, weder unter Arias in Costa Rica noch unter García in Peru oder Perez in Venezuela. Noch nie hat der "dritte Weg" ein Land Südamerikas aus seiner Wirtschaftsmisere herausführen können; die "sozialdemokratische Achse" ist ein schöner, aber tauber Begriff geblieben. Aber was bedeuten dem Begeisterungsfähigen schon die Lehren der Vergangenheit? In Quito kann der dritte Weg noch einmal geprobt werden, und der zähe, prinzipienfeste Professor Dr. Rodrigo Borja, Rechtsanwalt und seit über 20 Jahren Politikwissenschaftler an der Universität, ist der optimale Kandidat für einen neuen Versuch. Zusammen mit den Christdemokraten verfügt er (bis zu den nächsten Teilwahlen in zwei Jahren) über eine stabile Mitte-Links-Mehrheit – was in Quito nicht die Regel, ist – und über einen Fundus an Glaubwürdigkeit, der ihn links wie rechts akzeptabel macht: Ecuador versucht’s einmal mit der Mitte.

Unmittelbar nach seiner Wahl im Mai hatte der designierte Präsident sich abgegrenzt: "Ich war immer der Auffassung, daß der Populismus keines der Probleme des Landes löst. Der Populismus beutet die Frustrationen einer Gruppe aus. Er bietet den Himmel auf Erden gleich um die Ecke. Er bietet Wunder zur Rettung der Nation..." Klare Worte für Ecuador, in dem ein mehrfach gewählter und verjagter Präsident prahlen konnte: "Gebt mir einen Balkon, und ich werde gewinnen", worüber niemand lachte, weil er es wahrmachte.

Borja fuhr fort: "Ich glaube an Wirtschaftsplanung. Ich glaube, daß die Veränderungen durch Programme erreicht werden sollten. Ich trete für soziale Veränderungen ein." Friedlicher, stufenweiser Wandel ohne Waffen und Gewalt: "Meine Pläne kommen den Privatunternehmen direkt zugute." Sie sollen von verstärkter Kaufkraft der Unterschichten profitieren: "Ich werde den Armen nicht helfen können, wenn das private Unternehmertum meiner Regierung mißtraut und beginnt, seine Institutionen aufzulösen oder die Investitionen zu senken. Daher ist eine integrierte Einheit erforderlich, in der soziale, politische und wirtschaftliche Aspekte verknüpft sind."

Man muß es nicht gleich "Konzertierte Aktion" nennen, aber Kooperation statt Konfrontation stand schon immer auf Borjas Fahne. Als "lau" oder "feige" haben ihn seine Gegner stets beschimpft, und in der letzten Phase des Wahlkampfes, während sein populistischer Gegenkandidat verbale Tiefschläge austeilte, mußte sich Borja zur Grobheit zwingen: "Ich bin ein Mann des Friedens, das ja, aber ich bin nicht Franz von Assisi." Nun, das hat er bewiesen. Aber laute, grobe Töne passen nicht zu ihm. Viel besser beherrscht er die Kunst, komplizierte Sachverhalte mit einfachen Sätzen darzustellen. Selbst die Indios haben ihm zugehört und ihn zum Schluß gewählt, den bürgerlichen Intellektuellen, der sich nie bei ihnen anbiederte. In ihm verkörpert sich eine seltene Mischung aus Ironie und Ernsthaftigkeit, gepaart mit der geduldigen Bereitschaft, anderen zuzuhören. Borja, 1935 in Quito geboren, stammt aus einer bürgerlichen Politikerfamilie. Der eher an Sport als an der Schule interessierte Sohn schloß sich denn auch folgerichtig der Liberalen Partei an, wurde Studentenpolitiker (dennoch legte er 1960 die "beste juristische Dissertation des Jahres" vor) und kam mit 27 Jahren zum ersten Mal ins Parlament, in das er insgesamt dreimal gewählt wurde. Tennis, Volleyball, schnelle Autos – aus Borja war ein hoffnungsvoller liberaler Jungpolitiker geworden, der seinen bürgerlichen Habitus nicht ablegte und bei den Massen schlecht ankam.