Von Thomas von Randow

Er hatte sich in den letzten Tagen nicht recht wohlgefühlt. Er war lustlos und seine Mitarbeiter fanden, er sehe elend aus. "Ich muß einmal richtig ausspannen", dachte er, während er sich eine Zigarette anzündete. Da – plötzlich ein schlimmer Schmerz quer durch die Brust, ein unerträgliches Schneiden. Er preßt die geballte Faust gegen den Halsansatz. Der Schmerz strahlt aus, in die linke Schulter, in den linken Arm, bis in die Finger. Schweiß tritt aus, Übelkeit befällt den Unglücklichen. Er gleitet vom Stuhl, fällt zu Boden. Arbeitskollegen kommen in sein Büro, reden aufgeregt durcheinander. Einer sagt: "Der sieht ja aschgrau aus." Angst befällt den Kranken, Vernichtungsgefühl.Als ihn die Krankenträger auf eine Bahre legen, hat die Pein schon nachgelassen. Doch die Angst ist geblieben. Das Herz jagt, stolpert wie ein Automotor, der nur auf zwei Zylindern läuft. "Herzinfarkt" durchfährt es den Kranken, "jetzt muß ich sterben."

Die meisten Menschen, die zum erstenmal einen Herzinfarkt erleiden und die erste Viertelstunde überlebt haben, sterben nicht daran. Von denen, die lebend ins Krankenhaus eingeliefert worden sind, sterben innerhalb der ersten fünf Wochen etwa dreizehn Prozent. Danach gilt der Infarkt als überstanden. Die größte Chance, das Leben zumindest einiger Infarktpatienten retten zu können, bietet sich in der Klinik. Hier hat sich jetzt eine Behandlungsmethode als überraschend erfolgreich herausgestellt: die kombinierte Anwendung zweier altbekannter Medikamente, der Streptokinase und des Aspirins. Den Beweis für die Wirksamkeit dieser Kombinationsbehandlung hat eine soeben abgeschlossene, sehr umfangreiche und darum aussagekräftige Doppelblind-Studie an mehr als siebzehntausend Patienten in 417 Krankenhäusern ergeben. Kurzgefaßt lautet das Resultat dieser internationalen klinischen Prüfung: Mit einer einstündigen Streptokinase-Infusion so bald wie möglich nach der Einlieferung des Patienten und der Einnahme von täglich einer halben Aspirin-Tablette über einen Monat wird die Herzinfarkt-Sterblichkeit um fast vierzig Prozent gesenkt; Beginnt diese Behandlung innerhalb der ersten vier Stunden nach dem Einsetzen des Schmerzes, so senkt sich für diese Kranken das Risiko, ihrem Infarkt zum Opfer zu fallen sogar um 60 Prozent. Mehr noch: Auch die Gefahr, bald wieder einen Herzinfarkt – Reinfarkt genannt – zu erleiden, wird verringert.

Beide Medikamente, sowohl das aus Kulturen des Streptococcus – Erreger vieler entzündlicher Krankheiten – gewonnene und gereinigte Stoffwechselprodukt Streptokinase, als auch Aspirin – dieser Markenname der Firma Bayer hat sich weltweit als Bezeichnung für die Acetylsalicylsäure eingebürgert – werden lange schon vielerorts bei der Infarktbehandlung eingesetzt, zumal sowohl die pharmakologische Theorie als auch Erfahrungen aus Tierversuchen ihre Anwendung nahelegen.

Der Herzinfarkt hat eine lange Geschichte im Organismus. Sie beginnt mit Ablagerungen fettartiger Substanzen (Cholesterin) an den Innenwänden der Blutgefäße, die den Herzmuskel mit Sauerstoff versorgen. Daß es dazu kommt, hat viele Gründe. Einer davon ist unvermeidbar, eine angeborene Neigung des Körpers zu solchen Ablagerungen, hervorgerufen etwa durch Arterienverkalkung oder Zuckerkrankheit. Alle anderen Gründe aber sind vermeidbare Risikofaktoren und haben mit unserer Lebensweise zu tun. Das Tabakrauchen beschleunigt diesen degenerativen Prozeß, ebenso das allzu reichliche Essen und besonders der übermäßige Verzehr tierischer Fette.

Gefährlich wird die Situation, wenn eine dieser Fettbeulen an der Arterienwand platzt. Das ruft die "Blut-Feuerwehr" herbei, Blutplättchen, die den Schaden verkleben. Damit sich dort aber nicht zu viele dieser klebrigen Plaques einfinden, schickt der Organismus noch einen "Kontrolleur" an den Ort der Handlung, den Blutfaserstoff Fibrin, der den weiteren Zustrom von Plättchen bremsen soll. Doch wie immer, wenn etwas sehr häufig repariert werden muß, geht’s am Ende schief. Mit jeder neuen Verklebung wird es in dem feinen Gefäß zunehmend enger – schließlich kommt es dazu, daß das Fibrin die Arterie vollends verstopft (infarcire: lateinisch "hineinstopfen").

Streptokinase aktiviert im Körper ein Enzym, das Fibrin vernichtet; ergo wäre es vernünftig, diese Substanz in den Blutkreislauf des Infarktpatienten zu praktizieren. Tatsächlich löst der Stoff – in vielen Fällen – den Fibrin-Pfropf auf, und wenn inzwischen noch nicht allzuviel Muskelgewebe zerstört ist, kann das Herz – oft freilich nur mit verminderter Kraft – weiterarbeiten.