Von Michael Schwelien

Erregt ist der Mönch aufgesprungen. Trotz seines Ranges – er nennt sich "buddhistischer Erzbischof" – und trotz seines hohen Alters von 75 Jahren verlegt er sich aufs Schauspielen. "Ja, er hat sie geschlagen." Zwei Schritte nach vorn, Griff zum imaginären Knüppel. "Es war eine Weihnachtsfeier, im Hotel am Inya See, die Musiker spielten Jazz, wie sagen Sie, soft jazz, swing, nichts Avantgardistisches." Trauriges Augenrollen, dann der Hieb mit dem imaginären Knüppel. "Aber er haßt westliche Musik, und dann hat er. dem Gitarristen das Instrument zerschlagen." Geste der Entschuldigung. "Er ist kein Mensch." Wechsel vom Englischen ins Deutsche, "unser Führer, er ist ein Tier". Drei Schritte zurück, bissiges Entblößen der vier verbliebenen braunen Zahnstummel. "Wissen Sie, wie das Volk über ihn denkt, über", wieder Wechsel ins Deutsche, "unseren Diktator ?" Kehrtwende, die rote Mönchskutte gerafft, vornüber gebeugt, das entblößte Hinterteil gezeigt: "So denkt das Volk über U Ne Win."

"Schrecklich, schrecklich", sagt er, zwischendurch einen Knaben einsegnend, "was sie diesem armen Volk antun – aber das Ende unseres Diktators, das prophezeien die Astrologen, wird im Jahre 1988 kommen, durch einen natürlichen Tod oder durch ein Attentat."

Der Guru hatte sich bei der Begegnung Ende vergangenen Jahres nur halb geirrt: Einerseits mußte U Ne Win ein starkes Karma haben, sonst hätte das Schicksal ihn nicht als zukünftigen Staatschef wiedergeboren; andererseits würden, natürlich die Prophezeiungen über das nahende Ende mögliche Attentäter glauben lassen, ihr Karma bestimme sie dazu, den absolutistisch herrschenden General zu beseitigen.

Und so ungefähr ist es ja dann im Sommer dieses Jahres auch gekommen. Bereits im März hatten Studenten der Universität von Rangun erstmals gewagt, zum Allerheiligsten, zur Schwedagon-Pagode zu marschieren, um gegen das Regime U Ne Wins zu protestieren. Im Juni trauten sie es sich zum zweiten Mal. Vermutlich mußten über 200 der unbewaffneten Protestierer, die als Zeichen der Gewaltlosigkeit sogar den Soldaten die Stiefel küßten, ihr Leben lassen; 41 erstickten in einem Polizeitransportwagen, den die Soldaten buchstäblich so voll gepackt hatten wie eine Sardinendose.

Euphorie kam auf, als der 76jährige Alleinherrscher im vergangenen Monat zurücktrat, ein Referendum über ein Mehrparteiensystem vorschlug und damit den von ihm verkörperten "birmanischen Weg zum Sozialismus" selbst in Frage stellte. Doch der Jubel verstummte, als der ehemalige Sicherheits-Apparatschik U Sein Lwin, genannt der "Schlächter von Rangun", von der Birmanischen Sozialistischen Programmpartei zum Nachfolger gekürt wurde. Dieser U Sein Lwin machte seinem Schimpfnamen sofort alle Ehre, indem er ein striktes Ausgehverbot erließ und den Truppen Schießbefehl gab.

Aber schon am Montag vergangener Woche waren die Studenten wieder auf der Straße, bewaffnet lediglich mit roten Fahnen, dem Symbol des Mutes, und Plakaten, die den Kopf U Sein Lwins auf dem Körper eines Hundes zeigten. Einzelne Demonstranten warfen Molotow-Cocktails, enthaupteten gar drei Geheimdienstmänner – die Masse aber blieb friedlich. Trotz der Schüsse und der Toten, das berichteten Augenzeugen, entblößten junge Männer die Brust, liefen geradewegs auf die schwerbewaffneten Soldaten zu und riefen: "Erschieß mich, erschieß mich!"