Angenommen, wir sollen uns einen Menschen vorstellen, welcher ein fanatischer Idealist ist, der eine ganze Gesellschaft zum Untergang verführt (Betonung liegt auf "führt"). Und zu allem Überfluß heißt dieser Mensch auch noch Horch. Wie muß so ein Mensch aussehen? Er trägt natürlich einen Bart, einen Trenchcoat und eine Hundepeitsche wie Adolf Hitler. Er gleicht ihm sehr, auch was die Haartolle und das uniformähnliche Jackett angeht. Die Weiber läßt er kalt an sich abprallen; gespreizte Schenkel machen nur sein Rückgrat steif; die Hände verkrampft er herrisch vorm Geschlecht. Fertig ist der Mann.

Und so wie Herr Horch die Bühne des Salzburger Landestheaters durchstiefelt, so wie ihn der Schauspieler Peter Simonischek "geben" muß, möchte man ihm Blechbüchsen ans Herrenmenschenschuhwerk binden und ihn mit "Nazi! Nazi!"-Schreien andächtig durchs Dorf jagen.

Es könnte ja sein, daß die Österreicher fünfzig Jahre nach dem "Anschluß" in einer Salzburger Festspielinszenierung sitzen und unter Umständen immer noch gleich wissen, wie ihre Vorurteile sich einen Juden, Türken, Italiener und so weiter vorstellen müssen; aber einen Nazi verdrängen sie womöglich allzu leicht. Also muß man ihnen den einhämmern. Damit sie sich in Zukunft vor Idealisten in Regenmänteln in acht nehmen.

Das Theater als schulische Anstalt. Die Bühne als gigantische Tafel, auf der mit inständig kratzender Kreide der Regisseur Typus um Typus zeichnet. Und unter jedes Bild kommt in Flammenschrift die Mahnung: Paßt auf, daß Ihr nicht so werdet wie diese! Denn denen da droben bricht am Ende mit gewaltigem Getöse ihr Haus (also ihre Welt) zusammen. Wenn alles kracht und birst, tauchen auch prompt in riesiger Bildprojektion ein trommelnder Hitlerjunge und ärmereckende österreichische Menschenmassen auf österreichischen Plätzen auf. Ja, da schau her: Paßt auf, Ihr wart schon einmal so wie diese! Und man stellt sich vor, daß draußen im Künstlerzimmer die Unterrichtsministerin wartet und dem Regisseur Axel Corti nach der Premiere eine Belobigung aushändigt. Für einwandfreie Gesinnung.

Alles an diesem Theaterabend ist von, ja, wie sagt man?, großer Unbestechlichkeit und tapferer Notwendigkeit. Aber alles an diesem Theaterabend ist auch von einer geradezu rasenden Öde. Man sitzt lauter gute Absichten ab. Von gutem Theater ist nicht die Rede.

Das Stück "Die Hochzeit" stammt vom trockensten Berserker, den die deutsche Dramengeschichte kennt: von Elias Canetti. Er hat es 1932 geschrieben, da war er 26 Jahre alt – und ganz rein, aber gnadenlos. Schon damals ging er den Dingen schonungslos auf den Grund. Und schon damals blieb er dort. Was ihn schon damals so verehrungswürdig wie eisig-langweilig machte.

Canettis "Hochzeit" liegen zwei – zutiefst moralische, aber auch zutiefst kleinbürgerliche – Urteile zugrunde. Erstens: die Menschen sind geil. Pfui ihrem Triebe. Zweitens; die Menschen gieren nach Besitz. Pfui ihrem Kapital. Canetti geißelt kalt Geschlecht und Kapitalismus. Beides muß untergehen. Niemand, der es gerne treibt, und niemand, der gern ein Haus besitzen möchte, darf überleben. Prüderie und Sozialismus erringen in der "Hochzeit" einen glanzvollen und gründlichen K.-o.-Sieg über die Schlechtigkeit der Welt.