Karneval in Neapel. Masken huschen über die nächtliche Szene. Gitarren flüstern. Eine Klarinette lacht. Erregtes Wispern, aus dem sich ein sehnsüchtiger, halb erstickter Ruf löst: "Octavio!" Und "Octaaaavio!" hallt es als Echo aus verwinkelten Gassen, eine Klage, die von anderen Stimmen, in schmerzender Dissonanz, aufgenommen wird. Am Tisch in der Schenke hockt ein unglücklich Verliebter im grauenden Morgen vor umgestürzten, halbleeren, noch fast vollen Weingläsern. Verzweifelt hebt er eine auf dem Tisch liegende Gabel und klopft an die vor ihm aufgereihten Gläser, immer wieder. Da die Gläser verschieden voll sind, entsteht eine traurige Tonfolge, eine Art Blues, aus dem der von Liebe mehr als vom Alkohol berauschte Octavio langsam ein Chanson zu summen, dann mit Worten zu unterlegen beginnt: "Warum sitz’ ich hier...?"

In der kleinen Schatulle des Kurtheaters von Baden-Baden waren wir am 1. März 1963 berauscht vor Entzücken. Das war anders als das deutsch-biedere Theater der Adenauer-Zeit.

Im Programmheft war zu lesen: "Deutsche Erstaufführung ‚Les Caprices de Marianne‘, Schauspiel von Alfred de Musset, übersetzt von Jean-Pierre Ponnelle und Wolfgang Mühlbauer, Inszenierung und Bühnenbild: Jean-Pierre Ponnelle, Musik: Hans Werner Henze." Die Titelrolle spielte die damals mit dem jungen Übersetzer-Bühnenbildner-Regisseur verheiratete Margit Saad.

Beim Lesen der oft bemühten Nachrufe auf den 1932 in Paris geborenen Jean-Pierre Ponnelle, der am 11. August in einem Sanatorium bei München gestorben ist, erinnern wir uns dankbar der strahlenden Anfänge dieses Bühnenzauberers. Er hat damals den in Deutschland als unspielbar geltenden französischen Romantiker der Bühne gewonnen: Schon im November 1963 brachte er Mussets politische Tragödie "Lorenzaccio" in Düsseldorf heraus.

"Französisch" – das galt damals noch etwas. In die zu Ende gehende Adenauer-Zeit der älteren Herrschaften brachte Ponnelle einen Hauch von Charme, Witz, zärtlicher Trauer. Der Franzose war in Baden-Baden aufgewachsen, als Sohne des Kulturoffiziers, der nach 1945 die Radiostation im französischen Sektor aufgebaut und den kulturellen, vor allem musikalischen Ruf des späteren Südwestfunks (Fortner, Henze, Luipart) begründet hat.

Mit dem genialischen Burschen aus Frankreich, der beim Dirigenten Hans Rosbaud Musikunterricht nahm, beim Maler Fernand Léger, wohl aus Opposition zu dessen Vorliebe für harte, klare Farben, das unendliche Abschattieren von Gold bis zum Trauerbraun verwitterten Marmors lernte, der an der Sorbonne Philosophie und Kunstgeschichte studierte – mit diesem jungen Franzosen ging es steil bergauf, obwohl er seine Karriere zwei Jahre lang unterbrechen mußte, um in der Uniform der Grande Armee im damals gefährlichen Algerien seinen Wehrdienst zu leisten.

Als er vom Kasernenhof-Drill zurückkehrte, hatte er sich entschieden: für die Welt-Karriere, für das große Geld. Seinen in den letzten Jahren zunehmend routinierten, leerlaufenden, immer "geschmackvollen" Inszenierungen, die immer häufiger von Assistenten "erstellt" wurden, konnte man an keinem Opernhaus der Welt mehr entgehen. Der als höchstbezahlter Regisseur/Ausstatter der Welt geltende Ponnelle, der seine stets opulenten Einstudierungen zum großen Teil im eigenen Betrieb in Frankreich kostensparend bauen ließ und für Film und Fernsehen "verwertete", konnte sich nicht mehr auf die zeitraubende Arbeit der Wort-Regie einlassen. Er arbeitete, rund um die Uhr und den Erdball, nur noch für die Glamour-Welt der Oper. Und hat doch in seinen Zyklen, Monteverdi (mit Harnoncourt) in Zürich, Mozart in Köln, mit seinen Inszenierungen für Salzburg und Bayreuth, nicht nur Schickes und immer Schönes auf die Bühne gestellt, sondern auch Einfallskraft und Energie für Neues gehabt, zuletzt für Aribert Reimanns "Lear" und "Troades" in München.