ZDF, Sonntag, 14. August: "Mauer-Blicke"

Vor 27 Jahren wurde die Berliner Mauer gebaut. Das ist ein krummes Datum, kaum tauglich für einen Gedenktag. Doch Mauer-Reminiszenzen dürfen, solange das Bauwerk steht, im August nicht fehlen; sie sind auch interessant, dokumentieren sie doch den Wandel, der mit und an der Mauer passiert. Während das Erste Programm sich mit einer Reprise, die 1986, also zum Jubiläums-Abstand von 25 Jahren, neu war, aus der innerdeutschen Affäre zog, offerierte das Zweite am Sonntagnachmittag einen Film, so ungrad wie die Ziffer 27: Neun Berichte von Berliner ZDF-Mitarbeitern addierten sich zu den "Mauer-Blicken", einer Reportage, die wirklich bemerkenswert war, denn sie erwies: Die Mauer, ob Schutz, ob Schande, ist kaum noch ein staatstragendes Politikum. Nurmehr historisch die Schüsse, die Tunnel, die Provokationen, aktuell dagegen die Ungleichzeitigkeiten, Absonderlichkeiten und Graffiti: Die Mauer and ihr Umland als Geschichtswerkstatt.

H.J. Bolle begann mit der "Bernauer Straße", wo es einmal "Freiheitssprünge" gab aus dem vierten Stock, ferner unterirdische Fluchtschächte, Schüsse und Kränze für die Opfer. Schließlich wurden die Gebäude abgetragen, gesprengt auch die "Versöhnungskirche", die als Ruine ein Stück Mauer, als solches aber nicht glatt und übersichtlich genug gewesen war. Inzwischen ist die Bernauer eine Rennstrecke für Automobile.

Vom Potsdamer Platz erzählt H. Ziems: Wo einst eine immense Verkehrsdichte, Berlins größte Menschenschleuse war, stand aus den Trümmern nur die Mauer auf. Der Potsdamer war eine Wüste, bis die Touristen ihn entdeckten.

H.G. Kessler zeigt die "Fichte Wiese", eine Laubenkolonie, die im Schatten der befestigten Grenze ihre Ruh als Exklave genoß und jetzt, infolge des westöstlichen Gebietsaustausches, allgemein zugänglich zu werden droht. Und die Graffiti: J. Miermeister führt den Beton als Leinwand vor. Zwischen naiven Figurinen und schrillen Farbschlangen das gesprühte Versprechen: "Morgen reißen wir die Mauer ab."

Den besten Beitrag bot Sabine Nawroth mit "Kiez an der Mauer". Im Norden Kreuzbergs, unweit des Schlesischen Tors, stößt man auf sprechende Reste der "Kreuzberger Mischung": Leben und Arbeit im Gründerzeit-Block, auf dem Hof der kleine Gewerbebetrieb mit gelber Kachelfassade, zur Straße das Mietshaus, im Keller "Kohlen und Kartoffeln". Jetzt wohnen in den Sackgassen, die an der Mauer enden, "Menschen am Rand", für die es Treffpunkte, Beratung und ein Cafe gibt. Die Schallplattenfirma existiert nur noch als leeres altes Haus und die Oberbaumbrücke als Steg ohne Wiederkehr. – Ch. Läpple filmte den Checkpoint Charlie 24 Stunden lang: Im "Haus am Checkpoint" gibt’s die Berliner Mauer nochmal als Museumsstück.

Das ist die Mauer heute: Ein Denkmal, ein Unikum, ein Wimmelbild. Ein konservierendes Element für seltene Pflanzen, historischen Schutt und anachronistische Trouvaillen, kaum noch aber wohl für Uberzeugungen der Zeit, aus der sie stammt. – Die Verzweiflung angesichts der Mauer sucht Ausdruck im Spiel und in der Historisierung, in ästhetischen eher als in propagandistischen Formen, in lyrischen eher als in polemischen. Die Mauer ist heute ein Happening – und damit vielleicht ein im besten Sinn volkstümliches Politikum. Barbara Sichtermann