Von Ernst Klee

Freiburg

In dieser Woche hätte der Geistigbehinderte Harry Rempt in eine ganz normale Grundschule eingeschult werden können. Viele Menschen haben sich für Harry eingesetzt. Doch Baden-Württembergs Kultusminister Gerhard Mayer-Vorfelder ist dagegen.

Tief enttäuscht ist das Ehepaar Jutta und Fritz Rempt. Nach der Geburt mußten sie verkraften, daß ihr Junge "mongoloid" ist. Dennoch wollten sie ihn so normal wie seine beiden Geschwister aufwachsen lassen. Sie ahnten nicht, wie viele Beninderten-Experten das immer noch für anormal halten.

Harry hatte zunächst Glück. Er wurde ganz unbürokratisch im konfessionellen Kindergarten St. Raphael aufgenommen. Schon damals unkten Experten: "Das Kind wird dort überfordert, das wird zu Schäden führen, die Sie erst bemerken werden, wenn es zu spät ist." Harry trug keine Schäden davon – er gewann Freunde. Als die Einschulung anstand, meinten viele Kindergarten-Eltern: Harry soll mit in die Grundschule.

Unterstützung fanden sie bei der Stadt Freiburg. Bürgermeister Hans Evers beantragte – im Einklang mit allen Fraktionen des Gemeinderates – einen Schulversuch. Evers an Mayer-Vorfelder: "Die Schulkonferenz, die Gesamtlehrerkonferenz und eine Großzahl der Eltern, deren Kind im nächsten Schuljahr eingeschult wird, unterstützen diesen Antrag."

Vor Jahren hätte es wie ein Sozialmärchen geklungen, daß Eltern, Lehrer und Kommunalpolitiker aller Parteien die Integration eines Geistigbelinderten in die Normalschule fordern. Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Gernot Erler und sein CDU-Kollege Conrad Schroeder unterstützten den Plan. Sigrun Löwisch, Vorsitzende des CDU-Arbeitskreises für Familienpolitik, mahnte den Minister, die meisten Erwachsenen könnten nicht "normal" mit ihren behinderten Mitmenschen umgehen: "Sie sind für die Kinder in dieser wichtigen Frage mit Sicherheit keine guten Vorbilder. Diese notwendige und überfällige Aufgabe kann durch Integration erfüllt werden." Die warmherzigen Worte ließen ihren Parteifreund kalt.