Südkoreas Regierung sucht den Dialog mit dem kommunistischen Norden

Von Matthias Naß

Seoul, im August

Auch Wiedervereinigungsminister Lee Hong Koo war sich über den nächsten Zug der Nordkoreaner nicht klar: "Entweder kommen sie mit einem neuen Vorschlag, oder sie wiederholen ihre ursprüngliche Position", beschied er etwas ratlos den Besucher und entschuldigte sich für die knappe Zeit; er müsse an einer "Dringlichkeitssitzung" teilnehmen. Zur gleichen Stunde wurde, am Dienstag der vergangenen Woche, Vertretern des Südens im Konferenzraum von Panmunjom, dem Waffenstillstandsort am 38. Breitengrad, ein Brief von Pjöngjangs Parlamentspräsident übergeben, auf den Seoul zehn Tage lang gewartet hatte.

Einen Tag zuvor hatte Yang Hyong Sop, der Vorsitzende der Obersten Volksversammlung Nordkoreas, dem Sprecher der südkoreanischen Nationalversammlung über den direkten Telephondraht des Roten Kreuzes sein Schreiben annonciert. Darin erklärte sich Pjöngjang zu dem von Seoul gewünschten Gespräch bereit, das ein vom Norden vorgeschlagenes Parlamentariertreffen vorbereiten soll. Diesen Freitag wollen sich nun erstmals seit drei Jahren wieder Abgeordnete aus Nord und Süd in Panmunjom zusammensetzen, um die Tagesordnung für die geplante Konferenz festzulegen, die nach dem Wunsch beider Regierungen noch vor Beginn der Olympischen Sommerspiele in vier Wochen stattfinden soll. "Ich hoffe", hatte Yang am Telephon gesagt, "daß Ihre Seite ernsthafte Schritte unternehmen wird."

Seit 43 Jahren geteilt

Dazu ist der Süden bereit. "Für diese Regierung ist die Wiedervereinigung eines ihrer vorrangigen Ziele", betont der zuständige Minister Lee. Und er zählt die Gründe auf, die aus Sicht Seouls einen Dialog mit dem Norden heute begünstigen. Da sei erstens das verbesserte internationale Klima: Das Verhältnis zwischen Sowjets und Amerikanern habe sich erwärmt, China und Japan unterstützten direkte Verhandlungen zwischen Nord- und Südkorea. Zum zweiten gestatte es der wirtschaftliche Fortschritt dem Süden, selbstbewußt und konstruktiv mit dem Norden zu sprechen. Und drittens habe sich die innenpolitische Lage im Süden stabilisiert. "Deshalb sagt jedermann, nun müssen wir die Nord-Süd-Beziehungen anpacken. Das ist ein heißes Thema geworden."