Die tschechoslowakische Parteiführung tut sich schwer mit Gorbatschows Reformkommunismus / Von Helga Hirsch

Prag, im August

Pastelltöne haben seit einiger Zeit die Prager Altstadt überzogen. Barockfassaden mit frisch aufgetragenem Lindgrün und Ockergelb säumen die engen Gassen des Königswegs, auf dem die böhmischen Herrscher am Tag ihrer Krönung vom Königshof quer durch die Altstadt über die Karlsbrücke hinauf zum Hradschin, ihrem Regierungssitz, zogen. Tausende von Besuchern geraten Tag für Tag in den Bann dieser zu Stein geronnenen Geschichte. Hier, am Altstädter Ring, begannen die Hussitenkriege, hier wurden Anfang des 17. Jahrhunderts die Anführer des Aufstands gegen die Habsburger geköpft, hier rief Thomas G. Masaryk 1918 die erste Republik aus; 30 Jahre später verkündete Ministerpräsident Klement Gottwald die Machtübernahme durch die Kommunisten. Hier hat Prag sich herausgeputzt.

Doch nur wenige Schritte hinter die anmutigen Fassaden genügen, um das andere Prag zu finden, die Gassen mit dem bröckelnden Putz, den verwitternden Farben und der eigentümlichen Melancholie, die schon Meyrink und Kafka inspirierten, und die mit der Öde des sozialistischen Alltags eine Symbiose eingingen. Hier steht die Zeit still. Hier herrscht die phlegmatische Ruhe erzwungener Selbstbeschränkung und Selbstbescheidung, wie sie für die Tschechoslowakei nach dem "Prager Frühling" so charakteristisch wurden.

"Nach dem großen gesellschaftlichen Aufbäumen des Jahres 1968", meint Václav Havel, Mitbegründer der Charta ’77, "nach der sowjetischen Intervention und ihrem zermürbenden Nachspiel beginnt der Zeitraum leichenhafter Stille, die Ära der grauen, totalitär-konsumorientierten Alltäglichkeit." Das historische Experiment der Reformkommunisten, Sozialismus und Demokratie zu verbinden, endete in Husáks Normalisierung, die aus der Tschechoslowakei ein Land mit einer ruhiggestellten Bevölkerung machte.

Im auffälligen Widerspruch zu den Debatten, die emigrierte Reformkommunisten im Westen anläßlich des 20. Jahrestags zum wiederholten Male darüber führen, ob die Parteiführung zu radikal oder zu weich agiert hat und ob Gorbatschow heute das realisiert, was Dubček vor 20 Jahren projektierte, zeigt sich Prag seltsam unberührt von dem Thema.

Versteinerte Positionen