Am Sonntag morgen um halb sechs erwache ich mit einem schweren Schlagen in meinem Kopf. Es kommt über die Ohren herein. Draußen ist es längst hell. Ich öffne die Doppelfenster. Im dritten Stock des Häuserblocks gegenüber zeigt sich ein Mann im Fenster, der Mühe hat, gerade zu stehen. Die Akkorde fallen in den Hof. Er scheint bei bester Laune zu sein.

Am Montag erleide ich eine rhetorische Niederlage. An einer Tankstelle, gelegen an einer vierspurig ausgebauten Allee, meine ich, beim Tanken Musik zu hören. Ich entdecke einen Lautsprecher hoch über den Zapfsäulen. Die Dame an der Kasse frage ich, ob es denn Sinn habe, an einer vor Verkehrslärm schreienden Straße Musik auf die Kunden rieseln zu lassen. Sie meint, vielen würde das gefallen. Ich sage, mir würde es nicht gefallen. Sie sagt, das sei eben Geschmackssache. Ich sage, mit dem Geschmack sei das so eine Sache: Man könne sich vielleicht zwingen, eine aufdringliche Plakatwand nicht anzuschauen, aber die Ohren könne man unmöglich verschließen. Sie fragt mich, ob es denn zu laut sei. Ich muß verneinen; ich gebe auf.

Am Dienstag schlagen mir die Stationsmeldungen eines Radiosenders in die Wohnung. Es sind Handwerker im Flur, Maler. Sie brauchen bis zum Freitag, um ihren ghettoblaster zwei Stockwerke höher zu schaffen. Sie sind überzeugt, daß ihre Arbeit zu langweilig wäre ohne Radio. Selbst wenn ich mich belästigt fühlte, meinen sie, wäre für mich die Störung doch nur vorübergehend. Am Samstag feiert die WG gegenüber eine Party.

Ohropax ist kurz nach dem Grammophon erfunden worden. Die gewachsten Wattebällchen mögen vor dem Schellack-Krächzen geschützt haben. Gegen Bässe hilft nichts mehr. Sie setzen die Nerven in Schwingung, das Herz, den Fußboden. Leute mit 45-Quadratmeter-Wohnungen kaufen sich Stereoanlagen, mit denen sie ganze Turnhallen beschallen könnten. Dann geht es ihnen wie Autofahrern mit zu großen Maschinen: Sie hätten gar nicht gemerkt, sagen sie zu den Polizisten, daß sie im zweiten Gang schon fast auf achtzig waren.

Die Polizei ist das letzte Mittel gegen Ruhestörung. Aber wie erklärt man einem Polizisten, der den ganzen Tag seinen quietschenden Funksender mithören muß, daß einen das Vibrieren des Fußbodens wahnsinnig macht?

Wer mit Rockmusik etwas anfangen kann, erkennt auch uralte Stücke an geringsten Signalen wieder. Die Bässe: das ist nicht nur irgendeine Maschine, es ist ein Lebensgefühl, das sich transportiert. Aber selbst wer sich aufgrund der Geräusche nicht den ganzen soundtrack im Kopf zusammensetzen kann, wird die Stationssignets der Radiosender wiedererkennen – müssen. Alle paar Minuten gesendet, segmentieren sie den Tag, den Gedanken, die Sätze.

Es ist wie mit der Gentechnologie nach dem ersten Freilandversuch. Ist es erst einmal ausgestreut, gibt es kein Zurück mehr. Der amerikanische Medienwissenschaftler McLuhan, der in den sechziger Jahren unsere Rückkehr ins (weltweite) "Eingeborenendorf" per Elektrizität und Elektronik diagnostizierte, sieht im Radio die "Stammestrommel" gerührt. Sie ist überall gleichzeitig, sie erfaßt einen unwillkürlich, sie dringt durch die inneren Membrane. Die Botschaft der Stammestrommel ist rituell – und virtuell leer. Aber daß das Medium selbst die Botschaft ist, ist keine Formel für seine Harmlosigkeit. Weil es nichts und niemanden meint, löscht es die Konzeption des Individuums aus. Die Erfindung wirkt weit über die Absichten der Erfinder hinaus.