Joris-Karl Huysmans: Marthe – Geschichte einer Dirne

Dieser frühe Roman des französischen Autors mit dem flämischen Pseudonym Huysmans (1848-1907) erscheint zum erstenmal in deutscher Übertragung (Manholt Verlag, Bremen 1987; 130 S., 24,– DM). Er erzählt in ebenso grellen wie düsteren Farben die Höllenfahrt eines hübschen Mädchens. Marthe, als Tochter eines Kunstmalers geboren, wird jung zur Waise und durchläuft die Stationen einer Arbeiterin, Tänzerin und Sängerin, Prostituierten, Geliebten eines erfolglosen Dichters, Mätresse eines Mimen, Säufers und Kneipiers, um zuletzt wieder im Bordell zu landen. Als unglücklicher Roman literarischer Amouren läßt sich auch Huysmans Autorlaufbahn lesen. Er begann als Zögling Baudelaires, geriet anschließend unter den Einfluß Zolas, um dann mit den berühmten Romanen "A rebours" und "Là-bas" eine Filiale des Flaubertschen Ästhetizismus zu eröffnen. Aber die Lebensweisheit, daß die Sünder im Alter gerne fromm werden, zählt auch Huysmans zu ihren Zeugen. Die katholische Wende des Autors spätestens in dem Roman "La cathedrale" (1898) zeigt, daß die decadents Schattengänger der Dirnen sind, die wie Marthe nicht Menschen, sondern Lebensstilen verfallen.

Der ebenso elegant wie preziös geschriebene Roman "Marthe" ist weniger eine Warnung für Mädchen als für Autoren, daß Milieus keine Realitäten, sondern Niederlassungen von sinnbetörenden Adjektiven sind. Eingehüllt in Obszönitäten und changierende Seide, verkörpert Marthe bereits Glanz und Elend der französischen Dekadenzepoche.

Manfred Schneider

Wolfgang Welsch: Unsere postmoderne Moderne

Die umfangreiche und streitbare Studie des Philosophen Wolfgang Welsch zur Postmoderne ist nach vielen Jahren eher verwirrender Debatten die lange erwartete Überblicksdarstellung, von Darstellungsbreite und Niveau her ohne Zweifel das Beste, was zu diesem Thema gegenwärtig auf dem deutschsprachigen Buchmarkt zu haben ist. Als offensiver Versuch einer philosophisch ausgeführten Besetzung des Begriffs der Postmoderne hat die Studie nichts gemein mit den unangestrengten Etikettierungen eines diffusen, vor allem feuilletonistisch gefärbten Postmodernismus. Wo dessen Vertreter es sich mit den sattsam bekannten Maximen eines anything goes, einer naiv erklärten Beliebigkeit zu einfach machen, liefern sie gerade Traditionalisten jene leicht zu habenden Entgegnungen, die den unglücklich gewählten Begriff der Postmoderne attackieren und letztlich doch nur das damit bezeichnete Problemfeld verwischen und treffen wollen.

Welschs Buch (VCH, Acta humaniora, Weinheim 1987; 344 S., 49,– DM) nimmt den Laokoon-Kampf gegen all diese Lager auf, indem er zunächst historisch sondiert, anhand der postmodernen Architektur exemplarische Deutungen des Problemfeldes entwirft, ein Panorama philosophischer Postmoderne-Positionen skizziert, Lyotards Konzept als das philosophisch avancierteste ausführlich erörtert, die Begründung einer Vielfalt von Rationalitätstypen in ihren Vorstufen erklärt und das Gesamtkonzept schließlich mit dem Überbaubegriff einer "transversalen Vernunft" abfängt. Auf diesem stets spannenden, forciert durchgeführten Weg sieht man die Gegner postmodernen Denkens zur Rechten wie zur Linken niedersinken; die Gestalt dieses Denkens wird – als späte Figur der Moderne selbst, keineswegs als deren Verabschiedung – soweit geklärt und präzisiert, bis sie sowohl gegenüber spätromantischen Ganzheits- und Einheitspostulaten wie auch gegenüber den französischen Strategen diverser, unentscheidbar miteinander konkurrierender Welten immun bleibt. Die nicht aufzuhebende Pluralität verschiedener Rationalitätstypen – eigentliches Charakteristikum der Postmoderne – wird daher hier zum Gegenstand wie zur Methode der Anstrengung, die ihre wesentlichen Impulse aus der innovatorischen Moderne des frühen zwanzigsten Jahrhunderts bezieht. So erscheint, lebensweltlich gesehen, Postmoderne "als exoterische Alltagsform der einst esoterischen Moderne". Man hat nach Lektüre dieses wohltuend um Klarheit bemühten, weit ausholenden Buches den begründeten Eindruck, die in Deutschland durch Habermas Anfang der achtziger Jahre angeregte Diskussion habe von hier aus ganz neu zu beginnen.

Hanns-Josef Ortheil