Von Claudius Seidl

Es waren harte Zeiten, und sie brachten Männer aus Stahl hervor. Der Wilde Westen war gewonnen, nun galt es, ihn zu befrieden. Das war ein Job für Wyatt Earp, den härtesten aller Westernhelden. Aus den Weiten der Prärie kam Earp nach Tombstone, in die Hauptstadt der Gesetzlosen. Die Bürger machten ihn zum Marshall, und dann begann Wyatt Earp aufzuräumen. Er besiegte die Verbrecher und verjagte die outlaws. An einem heißen Nachmittag erschoß er Billy the Kid. Danach war Ruhe in Tombstone: So geht die Legende.

Wyatt Earp war ein Würstchen. Das ist die Wahrheit: Er war weder Sheriff noch Marshall, er war nur ein kleiner deputy und nicht besonders tapfer. Schießereien ging er aus dem Weg. Als Billy the Kid erschossen wurde, war Wyatt Earp nicht dabei. Seine große Stunde kam erst später: Als alle Zeugen auf dem Friedhof lagen, begann Earp, seine Memoiren zu schreiben. Er erfand die Legende und sicherte sich darin eine Hauptrolle. So wurde Earp berühmt. Für Blake Edwards, der schon immer die Erfindungen den Tatsachen vorzog, ist Wyatt Earp ein idealer Held.

Vierzig Jahre später in Hollywood: es waren wilde Zeiten, und sie brachten harte Geschäftsleute hervor. Die Produktionsmaschine des Kinos war angelaufen, nun galt es, die Profite zu verteilen. Das war ein Job für Tom Mix, den Bauernsohn aus Oklahoma. Mix konnte reiten und das Lasso werfen und passabel schießen. Er sah recht stattlich aus, und der Cowboyhut stand ihm gut.

Folglich fand der Mann bald Arbeit in der Filmindustrie, und nach wenigen Jahren war Tom Mix der bekannteste Filmcowboy Hollywoods. Tom Mix spielte selten eine andere Rolle als Tom Mix. Ein Mann aus Zelluloid, ein idealer Held für Blake Edwards.

Wo der Wilde Westen zu Ende geht, liegt das Traumland Kalifornien. In den zwanziger Jahren kam der Knabe Blake Edwards nach Hollywood. Sein Vater arbeitete beim Film, und als Blake Edwards erwachsen wurde, zog es ihn in die gleiche Branche. Er spielte in Western, schrieb Filmdrehbücher, inszenierte Radioserien. Schließlich drehte er seine eigenen Filme. Die meisten waren sehr erfolgreich – aber als Edwards in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren ein paar Flops landete, da vertrieben ihn die Bosse aus Hollywood. Lange Jahre blieb er weg, sammelte Geld und Kräfte – und kehrte mit der "Traumfrau" im Triumph zurück. Nun lebt und arbeitet er wieder in Hollywood.

Blake Edwards leidet an Kalifornien. Und er wird so lange bleiben, bis man das Kalifornien ansieht. Das hat zwar nicht Edwards über seine Heimat gesagt, sondern ein deutscher Filmemacher über eine deutsche Landschaft. Aber im Grunde verhält sich Edwards zu Kalifornien, wie sich Achternbusch zu Bayern verhält: Er lebt in einem schönen Land, aber es ist von Wahnsinnigen bevölkert, und direkt unter der hübschen Oberfläche brodelt das Chaos. In den Kellern des Traumlands stapeln sich Leichen, die man nicht einfach übersehen kann.