Von René Drommert

Helsinki hat eine sehr schlechte und eine sehr gute Lage. Beides natürlich sehr "subjektiv" geurteilt, von uns Bundesrepublikanern aus. Wer Finnlands Hauptstadt erreichen will, ohne das charakterlose Transportmittel Flugzeug zu benutzen (unter einem so oft nur Wolken), der schippert, geht er in Travemünde an Bord, immerhin anderthalb Tage. Helsinki hat jedoch eine exzellente Lage, wenn man zum Beispiel, nein, nicht gleich nach Lappland will, nicht in die nördlichen Wälder, um vielleicht Elche in freier Wildbahn zu erspähen. Sondern wenn man Leningrad, das einstige St. Petersburg, erreichen will, eine der allerschönsten Städte der Welt.

In diesen Spalten der ZEIT hat vor Jahren Henrik Tikkanen, ein vortrefflicher Kenner, eine, was Helsinki betrifft, patriotische, was Leningrad-Nähe betrifft, dagegen abschätzige Bemerkung gemacht: "Helsinki-Besucher brauchen eigentlich gar nicht mehr weiterzufahren nach Leningrad, denn Engels Werk (Johann Carl Ludwig Engel, 1778 bis 1840, ein Baumeister deutschen Ursprungs, hat das Stadtbild entscheidend mitgeprägt. In Helsinki ist er auch gestorben. D. Red.) ist ein Petersburg en miniature und somit ganz und gar russisch. Falls man Petersburg, das, von einem französischen Architekten geschaffen ist, überhaupt als russisch bezeichnen kann."

Gibt es in Helsinki tatsächlich nur dieses sozusagen ausgelagerte Stück Rußland? Oder gibt es vielleicht auch ein ganz anderes, ein eher aufgezwungenes Russentum? Franz Josef Strauß hat doch gemeint, daß es nur eine scheinbare Unabhängigkeit vom Kreml gebe, in Wirklichkeit aber stehe Finnland außen- und innenpolitisch unter dem Einfluß der UdSSR, und er hat aus dieser vermeintlichen Konstellation den Begriff "Finnlandisierung" abgeleitet.

Schlendert man als Tourist durch die finnische Hauptstadt, dann spürt man jedenfalls von "Finnlandisierung" nicht viel. Gewiß, schon im Hafen erblickt man vielleicht ein kleines Schild mit dem Hinweis auf eine Kunstausstellung "Ars sovietica 88". Aber das ist ja nicht gerade eine schlimme kulturpolitische Attacke auf die (zumeist evangelisch-lutherische) Bevölkerung. Handelsbeziehungen zwischen Ost und West sind natürlich. Die UdSSR hat in Helsinki zwei Eisbrecher bestellt, einer davon, bestimmt für ein kaltes Gebiet in Sibirien (zirka 50 Grad minus), wurde bereits abgeliefert. Beide Eisbrecher sind konstruiert für Kernenergieantrieb. Die Finnen liefern beide Schiffe vertragsgemäß ohne den Kernenergieteil. Dieses Teil. wird, bei beiden Schiffen, erst anschließend von den Russen in Leningrad eingebaut.

Es gibt in Helsinki viele russische Restaurants. Man liest, schon auf hoher See, in englischer Spra-Man "Eine Küche, für einen Zaren geeignet", und dann: "Die feinsten russischen Restaurants sind nicht in Moskau. Auf nach Helsinki, wenn es auf das Beste ankommt vom Borschtsch bis zum Kaviar." In den Restaurants findet man mehrsprachige Speisekarten, russisch, finnisch, schwedisch, englisch. Auf der Weinkarte gute Tropfen aus Frankreich, Italien, Deutschland, ja sogar aus Grusinien... Will man bei den Kellnern (oder Kellnerinnen) sagen wir einen Wodka bestellen und spricht dabei russisch (in der Stadt, die doch russischer ist als St. Petersburg!), dann kann man leicht Verlegenheit hervorrufen. Man muß dann schon eher auf Englisch umschalten. Oder Schwedisch, so man kann. In einem der attraktivsten Restaurants, dem "Alexander Nevski" (nach dem Nowgoroder Fürsten benannt), spricht immerhin der Chef russisch, Die Straßenschilder sind zweisprachig, finnisch und schwedisch. Denn über sechs Prozent der Bevölkerung sind schwedisch. Helsinki hat über eine halbe Million Einwohner, Stockholm über 610 000.

Geht man am Abend, etwa um 18 Uhr, an Bord und will nach Schweden, so nimmt man Kurs Westen (ein kleiner Schlag Süd ist auch drin) und ist am nächsten Morgen um neun in Stockholm.