München: "Wege zur Abstraktion – Meisterwerke aus der Sammlung

Thyssen-Bornemisza"

Einen privaten Louvre hat er von seinem Vater geerbt, sein Museum of Modern Art mußte er allerdings ganz allein einrichten, denn der alte Baron Thyssen blickte schon zweifelnd auf die Malerei des nenzehnten Jahrhunderts (Proben von Corot und Courbet, von Leibl und Marées besaß er immerhin) und wandte sich kopfschüttelnd von der des zwanzigsten ab. Ob es nun Auflehnung war gegen das väterliche Geschmacksdiktat oder die Neugier auf Kunst, die er nicht besaß, jedenfalls begann Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza Anfang der sechziger Jahre damit, die Lücken zu füllen, der Sammlung alter Meister, der er noch einige Glanzlichter aufgesetzt hatte, eine der neueren und neuesten hinzuzugesellen. Tatkräftig und mit Erfolg. Und so besitzt der Baron heute die wohl bedeutendste Kunstsammlung in privater Hand, die er auch gern auf Reisen schickt. Immer nur häppchenweise, denn er schöpft aus dem vollen. Die Münchner Auswahl enthält rund dreißig Werke der russischen Avantgarde, eine noch größere Anzahl wird in Kürze das Moskauer Publikum bewundern können. Dann Gemälde alter Meister in Nowosibirsk, wenig später auch in Stuttgart – und im angestammten Domizil der Sammlung, in Lugano-Castagnola, fällt es kaum auf, daß da manches fehlt. Das wird sich allerdings ändern, wenn die Dependance der Sammlung in Madrid ihre Pforten öffnet.

Anthony Burgess hat einmal angemerkt, der Baron sei ein Sammler, der "die Kunst ohne Ansprüche auf tiefe historische oder technische Kenntnis liebt" – jemand also, der erwirbt, was ihm gefällt. Und zweifellos einer, der es sich leisten kann, einen eigenen Geschmack zu haben. Der entscheidet sich dann zwar für eine etwas mißglückte Mischung aus Schlemmer und de Chirico (Sándor Bortnyiks "Das zwanzigste Jahrhundert", 1927), die allenfalls interessant ist, aber auch eine post-kubistische Collage von Dalí (1924), die eben mehr als bloß kurios, die im Frühwerk des Malers einen Augenblick der Annäherung an Picasso zeigt. Burgess hat natürlich untertrieben, der Baron hat die Kunstgeschichte ganz gut im Kopf und erspürt Querverbindungen: Robert Delaunay ("Die Pariserin", 1913) reflektiert die Reaktion, die sein Orphismus bei August Macke ausgelöst hatte, Theo von Doesburg läßt sich bei der Beschäftigung mit Marcel Duchamp ("Stilleben-Komposition", 1916), Kurt Schwitters ("MERZbild 1 A", 1919) grüßt Francis Picabia und Frantisek Kupka ("Die Bohrmaschine", 1925) Charles Sheeler. Solche Funde sind die Würze dieser Wege zur Abstraktion – ein besonderes Schmankerl ist ein Aquarell von David Bomberg aus dem Jahr 1913, in dem bereits der ganze Frank Stella enthalten ist –, die noch deutlicher sichtbar würden, wenn man Entwicklungslinien aufzeigte, vom Kubismus etwa zu Malewitsch und zu Mondrian. Die Belegstücke sind vorhanden, man brauchte sie nur richtig nebeneinanderzuhängen. (Haus der Kunst bis zum 9. Oktober, anschließend im Museum des 20. Jahrhunderts, Wien; Katalog 32 Mark)

Helmut Schneider