Von René Drommert

Selten hat eine Kunstausstellung die Besucher mit so heilsamen Provokationen versorgt wie die zur Zeit im Schleswiger Schloß Gottorf zu besichtigenden "1000 Jahre russische Kunst". Sie provoziert keineswegs nur Kunstliebhaber und Sammler, ihre zumeist bloß westlich orientierten Vorstellungen von russischer Kunst gründlich zu ergänzen. Sie fordert auch dazu auf, viele Begriffe der europäischen Kultur- und Kunstgeschichte auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen.

Rund 460 Exponate sind zu sehen, kunstgewerbliche Kostbarkeiten, Plastiken, Fresken, Handschriften, Buchdruck und anderes. Den bei weitem bedeutendsten Teil bilden die Ikonen: 130 Exemplare sind in Gottorf zu sehen. In Meyers Lexikon lesen wir: "Ikonen, transportable, meist auf Holz gemalte Kultbilder der Ostkirchen, auf denen Christus, Maria, andere Heilige oder biblische Szenen wiedergegeben sind." Nein, auch unbiblische Szenen. So sehen wir zum Beispiel auf einer (in Gottorf nicht gezeigten) Ikone eine Szene aus der russischen Geschichte. Zwei kriegerische Truppen stoßen aufeinander. Diese Szene beansprucht auf der Ikone den größten Raum. Das himmlische Element wird nur durch Engel repräsentiert, die, über den feindlichen Truppen schwebend, sich einmischen.

Es kommt nicht selten vor, daß ein Heiliger, stehend oder sitzend, in der Mitte des Bildes, schon durch seine relative Größe dominiert. Aber der Heilige ist reich dekoriert, umgeben von Bildern, auf denen halbweltliche oder weltliche Szenen zu sehen sind. Diese Szenen, die vielleicht über die Hälfte der ganzen Bildfläche bedecken, sind zumeist der Vita der Heiligen gewidmet. Man darf aber durchaus mal den sündigen Verdacht haben, daß der Heilige, dem man pflichtschuldigst das Zentrum der Komposition einräumte, in Wirklichkeit vielleicht für den Maler eher ein ’Vorwand war, um im Rankenwerk seiner aufgestauten, ungeduldigen bildnerischen Phantasie freien Lauf lassen zu können.

Auf dem siebenten Konzil der Ostkirche haben die Kirchenväter verkündet, die Ikone sei "das Buch der Analphabeten". Das Inhaltliche stellten sie auf die gleiche Stufe wie heilige Schriften: Sie betonten, daß wie ein Wort in den Silben das Bild in seinen Linien und Farben Zeugnis ablege von ein und derselben Wahrheit.

Die Kunst der Ikone, die ihren Ursprung in Byzanz hatte und auf dem Wege über Kiew nach Nordrußland vordrang, hat sich schon im Mittelalter in wichtigeren Zentren etabliert, vielfach dort, wo es größere Sicherheit vor anstürmenden Tataren gab. Hervorzuheben sind vor allem die Nowgoroder, dann die Pskower (Pleskauer) Schule, erst dann die Schule Moskaus, des "Dritten Roms".

An Ikonen tritt man doch gewöhnlich mit einer spürbaren Achtung, Hochachtung oder gar Verehrung heran. Und zwar unabhängig davon, ob man selber einer Glaubensgemeinschaft angehört. Kunst und Religion im Widerstreit? Keineswegs. Sie haben sich, eh man sich’s versieht, gefunden. Da gibt es aber noch einen zusätzlichen Aspekt. Verführt die hohe künstlerische Formulierung, die Ästhetik, die einen zu einer undefinierbaren religiösen Gemütsverfassung, verführt die Religion die anderen vielleicht zu einer Art Ehrfurcht vor dem Phänomen Kunst? Vermutlich steigert das eine Element das andere, wechselseitig.