Von Angela Oelckers

Aus dem Wunsch vieler Menschen, den kranken Seehunden zu helfen, versuchen einige Zeitungen und Rundfunkstationen Kapital zu schlagen: Sie sammeln Spenden für Robbenkliniken, die an der Küste errichtet werden sollen. Doch wie hilfreich sind solche Tierkrankenhäuser? Bislang wurde kein einziger an der Seuche erkrankter Seehund gerettet. Und selbst wenn – welchen Sinn hätte es, geheilte Tiere in dieselbe verdreckte Nordsee zu entlassen, die sie krank gemacht hat?

Der Streit, der im Fall der Robbenkliniken gerade erst begonnen hat, wird um das "Vogelrecycling" schon länger geführt. Jahr für Jahr, vor allem in den Wintermonaten, werden Tausende von ölverklebten Vögeln an den Stränden gefunden. Jetzt plant der Deutsche Tierschutzbund ein Rehabilitationszentrum für Vögel und Robben auf Sylt. Naturschutzorganisationen opponieren.

Der Tierschutzbund führt die Ethik ins Feld: Man dürfe die leidenden Tiere nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Fraglich ist jedoch, ob die Entölungsprozedur dieses Schicksal nicht nur qualvoll verlängert. Fest steht: Von den lebend gefundenen Ölvögeln übersteht ein Drittel die Reinigung und Gefangenschaft nicht, von den wieder freigelassenen wird jeder zehnte bereits nach sechs Monaten tot aufgefunden.

Grund für die hohe Mortalität ist meist eine Vergiftung durch geschlucktes Öl. In einem Bericht von Eckart Schrey, Mitarbeiter der Norddeutschen Naturschutzakademie in Schneverdingen, liest sich das Elend lakonisch: "Die Ölreste schimmerten bläulich durch die Dannwand, eine Aufwölbung des Enddarms zeigte einen beginnenden Darmverschluß an. (...) Am auffälligsten zeigte jedoch die Leber die Auswirkungen der Vergiftung. Dieses für verschiedene Stoffwechselfunktionen besonders bedeutsame Organ war auf zwei schmale Streifen geschrumpft." Da jeder verölte Vogel zwanghaft versucht, sich zu putzen (und dabei Öl mit dem Schnabel aufnimmt), muß bei jedem Tier, das scheinbar gesund die Rehabilitationsstation verläßt, mit Spätschäden gerechnet werden.

Fraglich ist auch, ob mit dem Aufenthalt in der Station der gequälten Kreatur ein Dienst erwiesen wird. Sind Schwimmenten und Möwen noch, relativ leicht zu pflegen, so ist bei den sonst im freien Meer lebenden Alken oder Lappentauchern eine artgerechte Haltung nahezu unmöglich. An den Füßen dieser an Laufen oder Sitzen nicht gewöhnten Tiere bilden sich Druckstellen oder Entzündungen. Halten sie, ohnehin krank und geschwächt, den Streß aus, von Menschen berührt und gewaschen zu werden, so müssen sie in einer unbekannten, überbesiedelten Umgebung auf ihre Mauser warten. Ihr Gefieder nämlich ist erst wärmedämmend und wasserdicht, wenn die Federn kunstvoll verhakelt und gefettet sind. Dazu hat Gerd-Heinrich Neumann, Biologe an der Universität Münster und Autor des vom Tierschutzbund verwendeten Ölvögel-Konzeptes, folgendes Verfahren ersonnen: Mausern die Vögel nicht spontan, so wird der Federwechsel durch das Herausrupfen einiger Arm- und Handschwingen induziert.

Nach wie vor steht der Nachweis aus, daß es einem Vogel, der dieses "Recycling" überstanden hat, möglich ist, sich ohne Verhaltensstörungen und Spätschäden wieder in eine Brutpopulation einzugliedern – Zweifel scheinen angebracht.