Von Ulrich Horstmann

Schauplatz: das Land der Ostfriesenwitze. Thema: wie einer zurückfindet aus Mobile in Alabama – altindianisch für "hier ruhen wir" – in die Immobilität hinter den Deichen. Auslöser fürs Erzählen: mangelnder Tiefgang.

Das ist ganz wörtlich gemeint, denn Henk Kromminga, genannt Stroff, der Affe, vermutet am Fuß der Mole, von der er springt, auch in der Vertikale ein paar Meter Meer, die nicht da sind. Diese Fehleinschätzung macht ihn für wenige Minuten zu einer komischen Figur und für den Rest seines Lebens zum Krüppel. Kopfüber steckt er im Schlick, und der Mann, der ihm das Leben rettet, besiegelt zugleich sein Schicksal, weil beim Herauszerren und An-Land-Ziehen ein Fragment des gesplitterten Wirbels ins Rückenmark eindringt.

Die Rehabilitationskur, die dem Krankenhausaufenthalt folgt, bessert nichts; sie ist lediglich Einübung in die zer-sprungene, halbierte Existenz des Paraplegikers, in ein mitten entzwei, das sich unterhalb der Gürtellinie nicht mehr spürt. Nur gibt sich der Ich-Erzähler Kromminga nicht damit zufrieden, zu lernen, wie man Druckstellen im gefühllosen Fleisch vermeidet, seine Blase kontrolliert und den Darm "ausräumt"; er will vielmehr auch mit seinem Lebens ins reine kommen, das invalide war, lange bevor der Unfall passierte.

Wie schon in Eigners 1978 erschienenem Erstling "Golli", der dem Autor ein Villa-Massimo-Stipendium einbrachte, wie in dem meisterhaften – und unprämierten – zweiten Roman "Brandig" (1985), so geht es auch in diesem dritten Buch um Existenzbehauptung durch Erinnern, um ein Sich-auf-die-Spur-kommen durchs buchstäbliche Anschleichen und Festhalten, um die Bewältigung eines "Erschreckens über den Kopf in Mark und Bein".

Stroff, der Affe, hat gleich seinem Vorgänger Paul Brandig reichlich Veranlassung, "die tiefsten Abgründe seiner Seele" auszuloten und sich dahin vorzutasten, "wo das Herz stille steht". Denn dem erfolgreichen Landmaschinenverkäufer, der nicht zuletzt dank illegaler Exporte nach Kuba "sein Schäfchen im trockenen" hat, gerät nicht nur seine in den USA zurückgebliebene Familie aus den Augen. Er hat auch seinen Bruder, der ihn nach dem Unglück ebenso ahnungslos wie aufopferungsvoll pflegt, hintergangen, indem er mit dessen minderjähriger Tochter, der von zu Haus ausgerissenen Swantje, ein Verhältnis anfängt, das sich zu "einer Heimsuchung, einer Besessenheit, einer Verstrickung, einer Manie" auswächst.

Eigner greift hier das Thema der selbstzerstörerischen, aber auch selbstentdeckerischen sexuellen Obsession auf, bei deren Darstellung er schon in "Brandig" kein Blatt vor den Mund genommen hatte, was der Kritik denn auch die eine oder andere keusche Beschwichtigungsgebärde abnötigte. Dabei gibt es nicht das geringste zu beschönigen. Die meisten Figuren Eigners schlagen über die Stränge, suchen den Exzeß. Golli, den sein Vater mit der Spritze erziehen wollte, ißt, bis er aus allen Nähten platzt. Sein Hauslehrer, der über den Fall Bericht erstattet, schreibt sich in dreiunddreißig Erzählnächten an den Rand des Wahnsinns. Der Terroristen-Anwalt Brandig benutzt die Liebe, um sich in ein Wrack zu verwandeln, sein mit Münzen handelnder Freund mumifiziert innerlich, wird bei intakter Fassade zum Ebenbild jener Moorleichen, für die er sich zu Beginn des Romans so lebhaft interessiert.