Von Klaus Sondergeld

Stuttgart

Ein Kürzel, dessen Langfassung noch immer kaum jemand auf Anhieb richtig nennen kann, erregte in den vergangenen zwei Wochen die Gemüter im Südwesten der Bundesrepublik: PCB. Baden-württembergische Behörden hatten PCB – Polychlorierte Biphenyle – in der Trinkmilch gefunden. Woher diese Chemikalien kommen und wie sie in unsere Nahrungsmittel geraten, weiß man seit langem – auch, wo sie letztlich bleiben: Sie reichern sich im menschlichen Fettgewebe an. Doch just als die PCB-Milch Schlagzeilen machte, wurde ein Untersuchungsergebnis bekannt, das dem Wissen um PCB in unserer Umwelt und in uns selbst eine neue alarmierende Erkenntnis hinzufügt. Erstmals haben Forscher an der Mannheimer Universitäts-Kinderklinik im Fettgewebe von Neugeborenen, die noch nie gefüttert worden waren, PCB nachgewiesen.

Ministerielle Vorsorge hatte die Lawine ins Rollen gebracht. Am 1. Oktober tritt bundesweit eine neue Schadstoff-Höchstmengen-Verordnung in Kraft, in der auch ein Grenzwert für PCB in Molkereiprodukten festgesetzt wird. Er liegt bei 0,05 Milligramm pro Kilogramm Fettmasse. Um nun die chemischen Landesuntersuchungsämter auf die neue Verordnung aus Bonn vorzubereiten, hatte der Stuttgarter Minister für Ländlichen Raum, Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Gerhard Weiser, ein umfangreiches Untersuchungsprogramm angeordnet. Die Prüfer konzentrierten sich auf Gebiete, in denen frühere Messungen schon Anhaltspunkte für PCB-Belastungen ergeben hatten. Bei ihrer diesjährigen Analyse-Aktion waren sie jedoch besser gerüstet, mit einer feineren Methode, der Kapillar-Gaschromatographie. Und siehe da: Unter 59 Sammeltankwagen entdeckten sie zwei, deren Rohmilchladung eine PCB-Konzentration oberhalb des künftigen Grenzwertes aufwies.

Nun mußte die Spur bis zum Verursacher zurückverfolgt werden. Auf zunächst 173 Bauernhöfen im Sammelbereich der Milchtanklaster wurden Proben gezogen. Fündig wurden die Beamten bei 45 Milcherzeugern im Raum Offenburg und bei Pforzheim. Und auch die Ursache der PCB-Kontamination in diesen Betrieben war – bis auf drei Ausnahmen – bald entdeckt. Ahnungslos hatten die Bauern in den siebziger Jahren ihre Futtermittelsilos mit PCB-haltiger Farbe gestrichen.

Die polychlorierten Biphenyle gehören wie das Insektengift DDT zur Gruppe der chlorierten Kohlenwasserstoffe. Und sie finden sich beileibe nicht nur in alten Silo-Anstrichen. Seit fast 60 Jahren wurden und werden die PCB als chemische Allzweckwaffe gegen allerlei Tücken der Technik eingesetzt. PCB dienten als Schmier-, Papierbeschichtungs-, Imprägnier- und Flammenschutzmittel, als Weichmacher in Kunststoffen, als Zusatz in Spachtelmassen und Lacken, in Meßgeräten und Waagen. Bis zur freiwilligen Selbstbeschränkung des einzigen bundesdeutschen Herstellers, der Bayer AG, im Jahr 1972 wurde auch bei uns die ganze breite Anwendungspalette ausgenutzt. Sek 1978 sind PCB, die in theoretisch 209 verschiedenen Verbindungen, in unterschiedlichen Chlorierungsgraden und mit variabler Zähigkeit herstellbar sind, nur noch in sogenannten geschlossenen Systemen erlaubt, primär in Transformatoren und Kondensatoren.

PCB sind sehr beständige Verbindungen, biologisch so gut wie nicht abbaubar. Eine vollständige Verbrennung gelingt erst bei Temperaturen über 1000 Grad Celsius. Alle inzwischen erlassenen Verbote und Beschränkungen ändern mithin nichts an der Altlast. Auf Müllkippen und Schrottplätzen lösen sich PCB aus Plastikteilen, Altölen oder Farben und tröpfeln aus alten Kühlschränken. Schon 1983 schätzte das Bundesgesundheitsamt die PCB-Menge, die unser Land unwiderruflich belastet, vorsichtig auf 30 000 bis 40 000 Tonnen. Die PCB gelangen nicht nur auf dem relativ kurzen Weg Silo-Futter-Kuh-Trinkmilch in die menschliche Nahrung, sondern auch über den Boden, die Luft und das Wasser.