Washington brütet in der Augustsonne, Paris ist wie ausgestorben, London gehört ganz den Tauben und den Touristen, und in Bonn will dieses Jahr nicht einmal das politische Sommertheater in Schwung kommen. Amtsstuben von Präsidenten, Regierungschefs und Ministern sind verwaist.

Endlich – so möchte man ihnen und uns wünschen – bleibt den Politikern Zeit zu gründlicher Lektüre, zum Nachdenken, ohne ihre bisweilen unausgegorenen Ideen gleich in ein Mikrophon plappern zu müssen. Ist nicht gerade Tiefgang das, woran es unserer hektischen Tagespolitik mangelt?

Allein, im Zeitalter der Nachrichtensatelliten und Düsenjets glaubt niemand mehr so recht an die Regeln der alten Sommerfrische, an das Abschalten und Ausklinken der Politiker aus dem politischen Getriebe: Der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow ist auf der Krim voll im Bilde über das Tauziehen seiner Adlaten Ligatschow und Jakowlew. Helmut Kohl kann vom Wolfgangsee aus die Marschrichtung seiner Karawane ebensogut bestimmen wie im Bundeskanzleramt. Ciriaco de Mita wird auf Sardinien nicht zum Robinson, sondern bleibt Regierungschef. Margaret Thatcher – selbst sie gönnt sich entgegen ihrer Prinzipien zehn Tage Urlaub mit Ehemann Denis – bleibt nicht nur in Cornwall am Ball, sondern auch in Downing Street No.10. Sogar einen Atomkrieg könnten die Führer der Welt aus dem Liegestuhl entfesseln. Die Koffer mit den hierfür notwendigen Geheimkodes sind immer im Reisegepäck.

Telephon, Telex, Telefax, ein Stab von Mitarbeitern und die Rührigkeit der Medienvertreter sorgen dafür, daß abwesende Politiker im Gespräch bleiben. Medienpräsenz läßt sich im Urlaub gar noch steigern. Sind Mitterrands Betrachtungen zur politischen Philosophie nicht viel eindrucksvoller, wenn man ihn in Freizeitkluft neben dem Interviewer über südwestfranzösische Hügel stapfen sieht? Selbst Kleinkariertes kommt besser an, wenn es salopp in großkarierten Hemden dargeboten wird.

Freilich müssen die Politiker ihren Urlaub gelegentlich unterbrechen. Der britische Nordirlandminister Tom King sah sich genötigt, bereits nach einem Tag seine Ferien auf dem Bauernhof in Wiltshire zu unterbrechen, um nach IRA-Anschlägen mit den Sicherheitschefs in Belfast zu beraten. Doch war seine Person dabei wirklich unentbehrlich?

Mit eindringlichen Appellen verlangten britische Medien und Oppositionspolitiker, daß der neue Gesundheitsminister Kenneth Clarke aus Spanien zurückkehre, um den Streik der Krankenschwestern zu beenden. Was aber hätte Clarke mehr unternehmen können als seine Stellvertreterin in London?

Die Schweizer Behörden verweisen auf das ungeschriebene Gesetz, wonach der Bundespräsident das Land überhaupt nicht zu verlassen hat. Ein Glück für Amtsinhaber Otto Stich, daß er in seinem Urlaub ohnehin seit Jahren auf Schusters Rappen durch das Engadin wandert.