In einem wohlbekannten Dorfe hatte der Prediger eine Lesegesellschaft von 12 lehrbegierigen jungen Bauersmännern, nebst dem Schulmeister und ihm selbst angestellt. Diese kamen alle Sonntage Nachmittags auf zwey Stunden in des Predigers Wohnung zusammen, und lasen die Zeitungen und allerhand nützliche Schriften, die der Prediger aussuchte. Jedes Mitglied von der Gesellschaft zahlte dafür jährlich einen Gulden: nur der Schulmeister war frey; dafür las er den andern ein Stück ums andere vor. Ueber das Gelesene sprachen sie hernach untereinander, jeder sagte seine Meinung und der Prediger erklärte dies und jenes. In dieser Gesellschaft wurde unter andern einmahl folgendes in der Zeitung gelesen: M... den 7ten Febr.

"Hier wurde der Kuhhirte, der das Lob hatte, ein ehrlicher frommer Mann zu seyn, und er sein Amt mit vieler Treue und Gewissenhaftigkeit verrichtete, vor einigen Wochen von einem wüthenden Hunde gebissen. Er achtete es nicht, und brauchte kein wirksames Mittel dagegen. Darauf zeigten sich Anfälle von Raserey bey ihm; er gieng aber noch dabey herum, und war abwechselnd sich seines Verstandes bewußt. Den 26ten Jenner ließ er auf dem Arme zur Ader; aber den Tag darauf, frühe gegen 10 Uhr, brach die völlige Wuth aus. Er bat nun seine weinende Frau und Kinder, ja aus dem Hause zu gehen, daß er sie nicht unglücklich mache. Darauf riegelte er die Thür zu, fieng entsetzlich an zu brüllen, riß sich in der Angst die Ader auf, schrie aber zwischen den heftigsten Anfällen immer zu Gott, daß er seine Leiden bald endigen möchte. Dies geschah noch denselben Tag gegen Abend, da starb er. Der unglückliche Mann verlangte, als er die Annäherung des Todes fühlte, aufs sehnlichste, daß ihm der Prediger in den letzten Stunden seines Lebens noch einigen Trost zusprechen möchte. Allein dieser schlug es ihm ab: weil er der Meynung war, daß sogar der Hauch eines solchen unglücklichen wüthend mache. Dem Kranken that diese so wehe, das er sagte: ‚Wenn dem Herrn Pfarrer eine Kuh krank ist, so muß Johannes (so hieß er) gleich da seyn: nun ich den Herrn Pfarrer verlange, der ich doch etwas mehr als eine Kuh bin, da muß der arme Johannes ohne Trost verderben. Nun Gott wird mir auch helfen.‘ Ein Candidat, der dieses hörte, kam darauf ungerufen, betete mit ihm um Erlösung und stärkte ihn durch trostreichen Zuspruch. Als nun der Tod endlich erfolgte, wolte niemand die Hand an den Körper legen, und ihn in den Sarg bringen: weil man fürchtete, dadurch angesteckt zu werden; ja die Furcht gieng so weit, daß man es Jemanden schon für eine Verwegenheit auslegte, daß er zum Fenster hinein sähe. Endlich verstand sich ein durchreisender Matrose oder Botsknecht dazu, den Körper zu beerdigen."

Wie der Schulmeister diese Geschichte vorgelesen hatte, wurde die ganze Gesellschaft sehr traurig und nachdenkend darüber. Darauf sagten sie nach einander ihre Meynung nach der Reihe, wie sie saßen. Hier nahm der Schulze das Wort und sagte: "Die Kennzeichen, welche die Verordnung angiebt, sind: daß ein Hund, welcher erst toll werden will, nicht säuft, nicht bellt, mit hängenden Ohren und Schwanz herumschleicht, oder wie schlafend herum taumelt, auch fremde Personen heimtückisch anfällt und gegen bekannte nicht so freundlich, als sonst thut. Wenn ein Hund so ist, soll man ihn einsperren und Acht haben, ob er besser oder schlimmer wird. Wird er nun magerer, bekommt er rothe triefende Augen, sperrt den Rachen auf, weist die Zähne oder läßt die Zunge aus dem Halse hängen und hört nicht mehr auf das Zurufen seines Herrn: so ist es hohe Zeit, ihn todt zu schlagen, und soll man einen solchen Hund recht tief in die Erde verscharren, ohne ihn mit blossen Händen zu berühren, und soll alles verbrennen, was sein Geifer beschmutzt haben kann."

Der Prediger lobte den Schulzen sehr und setzte hinzu: es ist wohl am besten, man tödtet einen Hund lieber gleich, wenn er die ersten Zeichen der Tollheit an sich hat. Es giebt ja Hunde genug, und das Unglück, das daraus entstehen kann, ist so entsetzlich, daß ich lieber hundert Hunde todt schlagen, als Menschen einer solchen Gefahr aussetzen wollte.

Aus: Noth- und Hülfsbüchlein oder lehrreiche Freuden- und Trauer-Geschichten der Einwohner zu Mildheim. Gotha 1798.