Gäbe es nicht den bodycount für die toten Seehunde, schwappte nicht das Schleswig-Holstein-Musik-Festival gelegentlich mal nach Hamburg, Niedersachsen und in die Sowjetunion über und triebe nicht die Sorge um die rechte Politik in Kiel Friedrich Karl Fromme täglich in der FAZ um – ja, dann wäre Schleswig-Holstein trotz der Affäre fast schon wieder vergessen. Nun hat allerdings schon Tacitus über die Germanen nördlich der Elbe gemeint: "Als einzelne zeichnet sie nichts aus" und trostvoll festgestellt: "Ihre Ruhe tut ihrem Ruhm keinen Abbruch."

Gleichwohl wäre doch noch das eine oder andere aus dem Land zwischen den Meeren zu bemerken. Zum Beispiel hat sich jüngst zum hundertsten Male der Todestag von Theodor Storm gejährt. Klar, die Schaufenster der Husumer Buchhandlungen sind Storm-gefüllt; der "Schimmelreiter" ist dieses Mal besonders gründlich als große Novelle wiederentdeckt worden; und Justus Frantz soll sich, nach der letztjährigen Entdeckung, daß der Vater von Johannes Brahms aus Heide in Holstein stammt, nun mit dem Gedanken tragen, das Schleswig-Holstein-Musik-Festival künftig auch in Potsdam und Heiligenstadt in der DDR stattfinden zu lassen, wo Storm Jahre des Exils verbrachte.

Da bleibt zu fragen: was tut eigentlich die im hohen Norden regierende SPD zum Andenken von Theodor Storm? Immerhin hat er als einer der ersten Poeten, wenn nicht als erster überhaupt, den Begriff des Socialdemokraten in die Literatur eingeführt. Was nebenbei ein schöner Beleg ist gegen die Behauptung, Storm habe als Autor nicht in seiner Zeit gelebt.

In der Novelle "Hans und Heinz Kirch", die Storm 1882 schrieb, nur sieben Jahre nach dem sozialdemokratischenVereinigungsparteitag von Gotha, trauert der alte Hans um seinen Sohn Heinz, an dem er sich schwer versündigt hat: "... bald verfiel er wieder in sein Selbstgespräch, während seine Augen vor ihm in die Große Leere starrten. ‚Nur in der Ewigkeit, Heinz! Nur in der Ewigkeit!‘ rief er, in plötzliches Weinen ausbrechend, und streckte zitternd beide Arme nach dem Himmel. Aber seine laut gesprochenen Worte erhielten diesmal eine Antwort. ‚Was haben wir Menschen mit der Ewigkeit zu schaffen?‘ sprach eine heisere Stimme neben ihm. Es war ein herabgekommener Tischler, den sie in der Stadt den ‚Socialdemokraten‘ nannten..."

Nun ja, dieser frühe Socialdemokrat der Literatur ist nicht gerade ein schmeichelhaftes Beispiel dafür, wie die bösen Zungen von Heiligenhafen, wo die Novelle ihren Schauplatz hat, Mitmenschen charakterisierten. Storm zeichnet hier als scharf beobachtender Zeitgenosse eine Realität nach, die sich seither nicht einmal so sehr verändert haben mag, ruft man sich die Barschel-Affäre in Erinnerung und was, damit zusammenhängend, bis heute so manche Zunge und Feder zum besten gibt. In seiner Zeit ist Storm übrigens keineswegs nur verkannt worden. "Demokratisches Volksverständnis" schrieb ihm – das ist jetzt auch schon hundert Jahre her – der sozialdemokratische Kritiker Johannes Wedde zu.

Aber: Wie um Himmels willen sind wir plötzlich vom Hölzchen aufs Stöckchen gekommen, von den Seehunden, Justus Frantz und Friedrich Karl Fromme auf Literaturkritik von 1888? So warm ist der Sommer bei uns hier oben doch gar nicht. (Tacitus hat uns schon richtig beobachtet: "Gleich nach dem Aufstehen, was aber meist erst spät am Tage geschieht, waschen sie sich, öfters in warmem Wasser, da bei ihnen den größten Teil des Jahres Winter herrscht.")

Ja so, auch wir wollten zum Lobpreise Schleswig-Holsteins mal über das Tägliche (s.oben) hinaus unseren Scherf beitragen.

Bernhard Wördehoff