Von Fritz Vorholz

Dieser Fund brachte seinen Entdeckern nur Ärger. Als der Veterinärdirektor des Fleischhygieneamtes am 14. Juli bei Kontrollen im Schlachthof des westfälischen Städtchens Bocholt verdächtige Einstichstellen an Kälberhälsen feststellte, konnte er die Folgen nicht einmal ahnen. Vom Bocholter Schlachthof freigestempeltes Fleisch ist seitdem nahezu unverkäuflich. Bürger und Politiker bangen nun um die Zukunft ihrer Mast- und Schlachtbetriebe. „Dabei müßte uns eigentlich das Bundesverdienstkreuz verliehen werden“, ärgert sich der Bocholter Stadtkämmerer Karsten Groot.

In der Tat bewahrte die Entdeckung in der Kleinstadt Tausende von Bundesbürgern davor, hormonverseuchtes Kalbfleisch zu verzehren. Die Analyse des staatlichen Veterinär-Untersuchungsamtes in Arnsberg fand im Fleisch der Tiere mit den Einstichen am Hals Rückstände von drei in der Tiermast verbotenen Substanzen: Östradiolbenzoat, Testosteroncypionat, und Testosteronpropionat – allesamt Abkömmlinge der bei Mensch und Tier auch körpereigen produzierten Geschlechtshormone Östrogen und Testosteron. Der nordrhein-westfälische Landwirtschaftsminister Klaus Matthiesen schlug Alarm: Krebsgefahr. Der Skandal war perfekt.

Anhand der Ohrmarken der mit Hormonhilfe aufgepäppelten Tiere ermittelten Borkener Beamte deren Besitzer. Im münsterländischen Südlohn wurden sie fündig, bei Felix Hying, Betreiber der Firmen Felix Hying GmbH und Co KG sowie der Hying Verwaltungsgesellschaft mbH und Herr über 14 000 Mastkälber im Westfälischen. Der Agrarunternehmer, der 49 Bauern in Großserie Kälberhälften produzieren ließ, wurde festgenommen und mußte – wegen einer Nervenkrise – ins Gefängnishospital Fröndenberg eingeliefert werden. Wenn Hying Glück hat, kommt er mit einem Bußgeld von 5000 Mark davon. Vielleicht muß er auch zehn Jahre lang hinter Gitter.

Während der inhaftierte Mastunternehmer aus dem Münsterland beim Amtsgericht Bocholt Konkursantrag stellen ließ, ermittelten die Fahnder weiter – und wurden ein zweites Mal fündig. Diesmal bei Bernhard Wigger, Inhaber der Firma Bewital, dem rund 60 000 Kälber im ganzen Bundesgebiet und sogar im Ausland gehören. Er wird verdächtigt, seinen Kälbern das gefährliche Kunsthormon Nortestosteronlaureat sowie Überdosen der Arznei Clenbutarol verabreicht zu haben. Der Stoff, der als Medikament bei Atemstörungen und bei Geburtshilfe gute Dienste leistet, bewirkt in großen Mengen eine vermehrte Eiweißproduktion.

Damit steht bereits mehr als ein Viertel aller bundesdeutschen Kälber unter dem konkreten Verdacht, mit verbotenen und gesundheitsgefährdeten Mastmethoden hochgepäppelt worden zu sein: der größte Hormonskandal der Republik. Nach gepanschtem Wein, verwurmtem Fisch und chemiebelastetem Olivenöl bescherten kriminelle Agrarindustrielle den Verbrauchern einen neuen Fall von Lebensmittelvergiftung. Binnen Stunden wurde Kalbfleisch – Pro-Kopf-Verbrauch zwei Kilogramm im Jahr – zum fast unverkäuflichen Produkt. Der Deutsche Bauernverband meldete den Marktzusammenbruch.

Funktionäre des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) fürchten gar, daß der Kälberskandal den gesamten Fleischabsatz ins Stocken bringen könnte. Solche Skepsis der Verbraucher wäre nach Ansicht des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) nur zu berechtigt. Der jüngste Hormonskandal ist für die Umweltschutzorganisation nur Symptom für die alltägliche Praxis: „Ob Schwein, Kalb oder Huhn, meist hat der Verbraucher statt des vielgepriesenen Qualitätsproduktes aus deutschen Landen einen Satansbraten auf dem Tisch.“ Nur einer profitierte vom Hormonskandal: Nordrhein-Westfalens Umwelt- und Landwirtschaftsminister Klaus Matthiesen. Tagelang war er mit der Kälberstory in den Schlagzeilen der Nachrichtensendungen und konnte sich als Verbraucherschützer der Nation profilieren (siehe Seite 27: „Ein Mann für alle Ställe“).