Wie uns kriminelle Tierhalter endgültig den Appetit verderben

Von Reiner Klingholz

Hand aufs Herz: Wer hat sich über den Tanz um das verseuchte Kalb gewundert? Skandale in der Tierzucht sind schließlich keine Neuigkeit. Zumindest in der Branche ist seit Jahren bekannt, daß in den Industriestallungen der EG mit Chemikalien hantiert wird, was die Spritze hergibt. Der Verbraucher, längst abgestumpft von den unablässigen Panschereien einer hochgezüchteten Agrarindustrie, ist denn auch mehr schockiert von den Bildern der eingepferchten Kälbchen als von kriminellen Machenschaften. Beeindruckt ist er vor allem durch die ungewöhnlich inszenierte Aufdeckung des Skandals: Da werden im Morgengrauen Zehntausende von Kälbern polizeilich abgeführt, Ställe versiegelt und Lohnmäster festgenommen. Da wird eine ganze Herde chemiestrotzender Jungtiere in einem Anfall von Verbraucherschutz notgeschlachtet und als Schuhcreme und Katzenfutter entsorgt. Anschließend könnte man zur Tagesordnung übergehen, wäre nicht im Münsterland wieder einmal nur die Spitze eines Problems sichtbar geworden.

Der Gesetzgeber hatte gute Gründe, als er 1985 eine EG-Richtlinie übernahm, mit der alle künstlichen und natürlichen Wachstumshormone in der Tiermast verboten wurden. Hormone sind Substanzen, die im Körper noch in kleinsten Mengen eine Regelfunktion ausüben. Das falsche Hormon am falschen Ort kann im Extremfall zu dramatischen Stoffwechselstörungen, zu Krebs oder zu Fehlgeburten führen. Das Gesetz ist insofern vorbildlich: Der Konsument soll selbst vor einer möglichen Gesundheitsschädigung geschützt werden.

Organisierter Wahnsinn

Doch auch wenn sich alle Beteiligten an die Vorschriften gehalten hätten, bliebe das eigentliche Problem bestehen: Der organisierte Wahnsinn einer Nahrungsmittelproduktion, welche die Umwelt in toto zerstört, und in der ein Stück Fleisch zum Zwischenlager für gesundheitsschädliche Chemikalien wird.

An der Mast der Kälber des Felix Hying läßt sich exemplarisch ein Kreislauf der Widersinnigkeiten studieren: Die Viehzucht der EG konzentriert sich im sogenannten Veredlungsdreieck, jenem Gebiet zwischen Belgien, dem Münsterland und Ostfriesland, in dem Schweine, Rinder und Hühner zu Millionen unter unerträglichen Bedingungen dahinvegetieren. Ohne Kraftfutterimporte aus der Dritten Welt wären diese Fleischfabriken nicht möglich. Die Lieferanten des Schweinefutters aus Soja und Maniok sind die Habenichtse der Welt, die dafür quadratkilometerweise ihre Tropenhölzer abholzen. Die Zerstörung des Regenwaldes schürt den Treibhauseffekt, der längst das Klima der Erde aus dem Gleichgewicht bringt. Dieser Effekt wird – Ironie des Schicksals und so unglaublich es klingt – noch gewaltig verstärkt durch das Methangas, das unentwegt den Verdauungstrakten unserer millionenstarken Masttierherde entweicht: Eine Schar, die Gift und Gülle derart fließen läßt, daß mancherorts schon jedes Leben im Boden erstickt ist. Ihre vergifteten Exkremente verseuchen das Grundwasser, schwappen in Bäche und Flüsse, ergießen sich letztlich in die Nordsee, das maritime Endlager der nordeuropäischen Industriekultur.