Immer wenn es Frühling wurde in Berlin, kam der Sendermann. In kurzen Hosen, schwitzend, ein freundlicher Mann mittleren Alters. An einem Bambusrohr trug er riesige Plakate, die hingen hoch über den Köpfen. "Bürger werden von Sendern gequält und gefoltert" stand darauf, oder "Die Schweine in Bonn senden mit Elektroden direkt in Ihre Köpfe." So lief er durch die Innenstadt, und auch auf Wände schrieb er seine Botschaften. Dann, vor vier oder fünf Jahren, verschwand der Sendermann. Die Sprüche verblaßten, kaum noch jemand redet von ihm. In diesen Tagen aber erinnert man sich in Berlin, denn es wird klar: Der Sendermann war kein normaler Paranoiker. Er hatte die Hellsichtigkeit eines Mediums. Heute sind wir soweit: In Berlin hat das erste Regierungsfernsehen auf deutschem Boden Premiere.

Es ist gespenstisch. Wenn wir die Entstehungsgeschichte dieses Projektes verfolgen: Überall begegnet uns prophezeiend der Sendermann. Die ersten Spuren fanden sich, wohl vor acht Jahren, zwischen Checkpoint Charlie, wo die amerikanische Besatzungsmacht die Halbstadt bewacht, und dem Springer-Hochhaus. Mit Filzschreiber hatte er dort auf Telephonzellenwände geschrieben. Zwei Jahre darauf marschierte er über den Kurfürstendamm, vorbei am Büro des Bauunternehmers Marx. Dieser gab schon bald darauf Geld und Gedanken an den ersten Kommerzfunk der Stadt: Radio 100,6, das Schnulzen- und Pornoradio, unterstützt von der Springer-Presse und den Politikern der Regierungspartei.

Vor vier Jahren etwa wurden die Hinweise auf die Regierung in Bonn auf den Plakaten des Sendermannes immer drängender. Dann verschwand er. Und nun senden sie ab 22. August alle miteinander auf Kanal 25: Sat 1 mit hoher Springer-Beteiligung, Schamoni TV, dessen wichtigster Gesellschafter Dr. Marx ist, die Regierung in Bonn und Rias-TV, getragen von der amerikanischen Besatzungsmacht. In West-Berlin entsteht der Bastard eines privaten Staatsfernsehens, in dem die Privaten kassieren und Rias mit einem hohen (und teuren) Nachrichtenanteil und einem "Frühstücksfernsehen" dem Kanal einen seriösen Anstrich gibt. Rias-TV wird zwar zu 94 Prozent aus dem Bundeshaushalt bezahlt, aber ein US-Aufsichtsgremium bestimmt die Richtlinien und den Intendanten. Es gibt zwar einen Beirat, aber in dem sitzen "Persönlichkeiten", die "hohes Ansehen" genießen und die "Ziele des Statutes unterstützen" – weshalb sie auch keine konkreten Rechte brauchen; eine laufende Kontrolle der Finanzen ist nicht möglich, denn es gibt weder einen Verwaltungsrat noch eine Personalvertretung mit Einblicksrecht in Finanzgebaren und Personalwesen des Senders.

Gegen den öffentlich-rechtlichen SFB entsteht ein zweites Landesfernsehen, in schwer zu kontrollierender Kooperation von amerikanischer Propagandabehörde, Bundeskanzleramt, Springer und lokalen Baulöwen. Kein Terror- und Folterinstrument, wie der Sendermann es kommen sah, aber etwas anderes, als die Verfassung es deckt (nach der Rundfunk Ländersache ist) oder das Rias-Statut es wollte (Versorgung der DDR-Bürger, nicht Fernsehen für Berlin). Etwas anderes auch, als im Berliner Kab’elfunkgesetz steht: "Es gibt keinen Staatsrundfunk."

Und mit den neuen Strukturen kommen die neuen Menschen. Früher gründete Rias seinen Ruf auf gediegene politische Analysen und anspruchsvolle Unterhaltung. Heute dient der Sender als Sprosse in CDU-Medienkarrieren, und die flotten Jungens haben das Sagen: Gerhard Besserer etwa, der unter dem CDU-Intendanten Schiwy (jetzt wieder NDR) das Programm radikal entwortete. Nun ist er Chef von Rias-TV. Die gestandenen Journalisten im Haus sind völlig demoralisiert.

Wohin geht die Reise? Der Sendermann bleibt verschwunden, ihn kann man nicht mehr fragen. Aber in diesem Frühling tauchte in Berlin ein neues, Medium auf: Christian S. Er steht am Bahnhof Zoo und interviewt mit seinem Kassettenrecorder die Passanten. Überall, wo Demonstrationen sind, photographiert der dicke Mann die Polizisten. Die Mikrophone und die Kameras, die Christian S. benutzt, hat er selbst gebaut. Aus Holz. Christian S. ist ein harmloser Irrer – der Journalist der Zukunft. Mathias Greffrath