Auf dem Tisch liegt eine vergilbte Billigausgabe von Machiavellis "Der Fürst", unter ihm ein doppelläufiges Schrotgewehr — schußbereit. Bisweilen fuchtelt Laszlo Maria von Rath mit seiner Waffe in der Luft herum, gerade so, als wolle er damit demonstrieren, daß er manchmal tatsächlich im Hausbrevier für Despoten blättert "Machiavelli hilft mir, das Undenkbare zu denken", bekennt der ehemalige Werbeberater der niedersächsischen CDU und nippt an dem nach Landessitte aufgetragenen Iced Tea. Kettenrauchend, das Mobiltelephon auf dem Schoß, sitzt der 66jährige in seiner prächtigen Villa in West Palm Beach, Florida, und schießt scharf — auf seine verflossenen Busenfreunde aus Hannover. "Sie dürfen mir glauben, ich kann noch nachladen! Ich habe noch genügend Munition", droht der Dollarmillionär. Wie ernst es ihm damit ist, soll ein Exkurs in die Rauschgiftwelt belegen: Neulich, erzählt Rath feurig, habe er, an der Spitze einiger lahmer Sheriffs marschierend, höchstpersönlich ein paar Dealer aus einem Haus in der Nachbarschaft gejagt. Dann kommt er auf sein eigentliches Schußfeld, auf Niedersachsen, zu sprechen und zitiert kühn einen Freund, der anerkennend gesagt habe: "Du wirst das Gesicht der Bundesrepublik verändern "

Immerhin: Durch Raths eidesstattliche Versicherungen in Sachen Spielbank Affäre kamen haarsträubender Machtmißbrauch und Politik Filz ans Tageslicht. Korruption, Vorteilsnahme, illegale Parteifinanzierung, Bestechung, Wahlmanipulation und Verletzung der staatlichen Aufsichtspflicht gehörten offenbar zum politischen Alltag in Hannover. Doch die Suche nach der beweisbaren Wahrheit gleicht einer Floßfahrt auf sumpfigem Flußdelta: Täglich öffnen sich neue Zuflüsse, ungeahnte Seitenarme werden entdeckt, schmutzige Rinnsale verlieren sich im Dschungel der Bürokratie.

Die neuesten Vorwürfe dieser Woche stammen vom niedersächsischen Landesrechnungshof: "Der Minister des Innern hat seine Aufsichtspflicht nicht ordnungsgemäß ausgeübt", attestierten die Finanzprüfer kategorisch. Die Spielbankgesellschaft habe bei Bilanzen geschlampt, Gesellschafterversammlungen unterlassen und mit einem gastronomischen Unternehmen gemauschelt. Schon im Herbst 1985 hätten sich Wilfried Hasselmann und der Finanzminister darüber Gedanken gemacht, ob man gegen die Praktiken der Spielbank Hannover Bad Pyrmont und ihren selbst spielsüchtigen, hochverschuldeten Betreiber Marian Felsenstein vorgehen müsse. Doch Hasselmann habe Aufsichtsmaßnahmen torpediert, angeblich, um nicht Verkaufsverhandlungen mit der staatlichen Lotto Toto GmbH zu gefährden "Sachfremde Erwägungen" heißt es im Rechnungshofbericht. Außerdem kam heraus: Die Spielbank Hannover diente der Kriminalpolizei mindestens 25mal als nächtliches Bargeld Institut. Auf telephonische Bestellung wurden schon mal sechsstellige Beträge an der Kasino Kasse bereitgestellt, damit Kripo Beamte Rauschgift zum Schein kaufen und so die Dealer überführen konnten — mit Wissen der Polizeiaufsicht im Innenministerium. Die regulären Behördenwege seien ihnen zu umständlich, hieß es bei der Polizei, und nachts gebe es bekanntlich "keine geöffneten Bankschalter".

Doch dies ist nur ein weiterer Tropfen im Strudel der Enthüllungen, der auch einige hochmögende Herren erfaßt: Innenminister Wilfried Hasselmann, Staatssekretär Dieter Haaßengier und — brecht. Ob sie alle tatsächlich, wie Rath behauptet, tief in finstere Händel verstrickt waren, damals, als sich Niedersachsens Parlamentarier zu einem Spielbankengesetz "durchrangen" und Konzessionen an illustre Kasino Betreiber vergeben wurden, das muß sich freilich noch herausstellen. "Kronzeuge Rath", in Hannover schon als "Pfeiffer Niedersachsens" gehandelt, und Landesvater Albrecht, hinter vorgehaltener Hand als "Absteiger des Jahres" tituliert, haben in dieser Woche Gelegenheit, vor einem Parlamentarischen Untersuchungsausschuß Widersprüche und Ungereimtheiten auszuräumen.

Zwei Leute aus der zweiten Reihe sind bereits abgestiegen: Der Ministeriale Gerhard Roemheld aus dem Innenministerium wurde in die Ferien geschickt und wird demriächst — ebenso wie sein Assistent Gerhard Bentin — zwangsversetzt. Gegen den früheren Spielbank Oberaufseher läuft ein Verfahren wegen Vorteilsnahme und Bestechlichkeit. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen abgeschlossen und wartet nun auf die Stellungnahmen aus der Staatskanzlei und dem Innenministerium. Das kann dauern, aber vielleicht liefern die direkt betroffenen Stellen wichtige Entscheidungshilfen, flachsen Skeptiker in Hannover. Staatsanwalt Nikolas Borchers ist zuversichtlich: "Von denen kann noch sehr viel einfließen!"

Schon auf dem Weg in die Ausschußarena clinchen die Kontrahenten mit harten Bandagen: Der Neu Amerikaner ist "bitter enttäuscht" und denkt an die "Schäbigkeit der drei Politiker"; die Niedersachsen schimpfen ihn Lügner und wollen sich seiner segensreichen Dienste nicht mehr erinnern (Rath: "Ich habe das Finanzvolumen der CDU um 500 000 Mark vermehrt"). Dabei schienen vor kurzem noch die Freundschaften ewiglich, das Verhältnis speziell zu Hasselmann von ausgesuchter Herzlichkeit.

In überschwenglichen Briefen empfiehlt sich der gebürtige Ungar von Rath als erprobter Helfer für den Wahlkampf 1986: "Auf Menschen kommt es an, nicht auf Programme" — und als Charmeur: "Sie, lieber Herr Hasselmann, sind ein sehr guter Mensch, und darum begleitet Sie Gottes Segen!" Bescheiden die Antwort des Ministers: "Viel zuviel Ehre für mich. Ich arbeite gern für unser Land und tue eigentlich nur meine Pflicht" —, aber auch selbstbewußt: "Vielleicht liegt meine ganze politische Stärke darin, immer die richtigen Leute links, rechts und hinter mir zu wissen. Die Skala reicht hier von Herrn Haaßengier bis zu Ihnen in den Jahren, als Sie so eng und vertrauensvoll mit uns in Niedersachsen gewirkt haben In einem anderen Brief erörtert der findige Rath neue Geldbeschaffungsmöglichkeiten im "Jahrmarkt der Eitelkeiten" und schlägt Hasselmann eine Art Polit Club vor, in dem vermögende Leute elegant geschröpft werden sollen.