Von Ulrich Schiller

New Orleans, im August

Der Jazz ist hinreißend wie eh und je, die Cajun-Küche mit ihrer gewürzreichen Schärfe süperbe. Die Stadt am großen Mississippibogen hat sich zwar als Novitäten eine geschäftige Uferpromenade und eine protzige Skyline zugelegt, hat dabei aber von ihrem alten Flair sehr wenig eingebüßt. Und das gilt nicht nur für das berühmte "French Quarter", in dem sich in dieser Woche republikanische Partei-Aktivisten tummeln, teils entschlossen, sich zu vergnügen, teils auch leicht verwirrt ob all der Ausgelassenheit und Unbefangenheit, mit der zum Beispiel junge Damen hier Textilknappheit unterhalb der Gürtellinie zur Schau tragen. Das alte Flair ist auch in den stillen Straßen des Gartenviertels geblieben, wo sattes Grün die schönsten Villen aus der "Vorkriegszeit" einhüllt, wo schmiedeeisernes Zierwerk filigrane Schatten auf blaßgetönte, Wohlstand verratende Fassaden wirft.

Vorkriegszeit heißt für die Bewohner des Gartenviertels von New Orleans "vor dem Bürgerkrieg" des vorigen Jahrhunderts. Und auch dies gehört noch immer zu New Orleans: die Straßenzüge der schwarzen Armut, gleich neben dem Herzen der City, die in einem Entwicklungsland irgendwo in der Karibik liegen könnten, als wollten sie die Behauptung der Demokraten illustrieren, daß Ronald Reagans Vereinigte Staaten wie ein Schweizer Käse seien – eine Wohlstandsgesellschaft mit vielen Löchern.

Abgesehen von einem Ölboom nach dem Zweiten Weltkrieg sahen sich New Orleans und der Staat Louisiana immer auf der kargen Seite der Vereinigten Staaten. Immer auch war vor allem die Stadt am Mississippidelta anders als der Rest Amerikas: "Französisch und spanisch und schwarz und katholisch und fast tropisch und beinahe unter Wasser und nicht ganz dem Experiment Amerika ergeben," beschreibt in einem Essay Elizabeth Mullener New Orléans. Die Gouverneure und Sheriffs des Staates Louisiana aber waren ebenso farbige wie korrupte Gestalten. Der 1935 erschossene Gouverneur Huey Long ist noch heute als "kingfish" in lebhafter Erinnerung; sein Vorgänger fühlte sich so sattelfest, daß er öffentlich damit protzte, er sei nur dann zu schlagen, wenn man ihn mit einem lebendigen Knaben oder einem toten Mädchen im Bett finde. Als der jetzige Gouverneur Roemer vor einem halben Jahr sein Amt antrat und Mitarbeiter suchte, sollen etlichen Bewerbungen Schecks beigelegen haben. "Ein levantinischer Vorposten am Golf von Mexiko", urteilte der amerikanische Kritiker A. J. Liebling über New Orleans.

Und ausgerechnet hierher haben die Republikaner ihren Nominierungs-Parteitag gelegt, mit einem Delegierten-Aufgebot, das konservativer, älter und reicher ist als der Durchschnitt des Parteivolks (den Ausschlag freilich gaben die Größe der Halle im Football-Stadion und das Buhlen um die Wähler des Südens). In dieser Stadt hielt George Bush am Dienstag seinen Einzug, mit einem Dampfer anlandend, als komme er tatsächlich, wie die Demokraten spotten, von einem anderen Ufer.

Parteitags-Choreographie ist alles. Das große Bild "Reagan und Bush Hand in Hand auf der Tribüne des Parteitags" hätten die Manager liebend gern gesehen und auch übermittelt. Doch dann überwog die Sorge, der Jubel für Reagan könnte Bush in den Schatten stellen. So kreuzten sich denn am Dienstag vormittag die Wege des scheidenden Helden der Republikaner und des neuen Bannerträgers auf einem Flugplatz der Umgebung; Stafettenwechsel unterwegs, eine fein ausgeklügelte Simultanbegrüßung. Denn George Bush soll und darf von nun an nicht mehr in der Haut des Vizepräsidenten stecken.