Mit dem republikanischen Parteitag ging in dieser Woche der Aufmarsch für den Kampf um die amerikanische Präsidentschaft zu Ende. Nach den Demokraten hat nun auch die Grand Old Party ihre Heerschau hinter sich gebracht. Die Programme sind beschlossen, die Spitzenkandidaten nominiert, jetzt kommt es nur noch darauf an, wer gewinnt. Vorerst können beide Parteien auf den großen Preis am 8. November hoffen. Sie haben ihre Jubelpflichten erfüllt und ihre programmatischen Angebote kommen den dringendsten Wählerwünschen entgegen. Die Bürde der Erwartungen lastet von jetzt an auf den Kandidaten, die Parteitagsergüsse in Regierungspolitik umsetzen sollen. Persönlichkeiten, nicht Papiere entscheiden auch und vor allem in Amerika die Wahlen.

Die Alternative George Bush oder Michael Dukakis steht den Amerikanern seit Monaten vor Augen. Sie hat bisher wenig Vorfreude geweckt. Sind Bush und Dukakis die denkbar beste Besetzung für das Duell ums Weiße Haus? Die amerikanische Öffentlichkeit hegt erst einmal Zweifel, die sich in politischer Apathie zu erkennen geben. Es genügt eben nicht mehr, wie ein Spötter einst behauptete, daß ein Mann bloß das richtige Profil für eine Briefmarke besitzen muß, um Präsident werden zu können. Von ihm werden heute deutlichere Konturen verlangt.

Noch haben die Aspiranten Zeit genug, ihre Befähigung für die höchsten Weihen der Politik nachzuweisen. Das sollte ihnen nicht schwerfallen, wenn die Amtsführung des derzeitigen Präsidenten als alleiniger Maßstab gilt. An Unkenntnis bei politischen Details und Desinteresse am Tagesgeschäft der Machtzentrale, an Ruhebedürfnis und skandalträchtiger Umgebung wird so leicht niemand Ronald Reagan übertreffen. Wenn er dennoch bereits nostalgische Gefühle bei seinen Landsleuten weckt, ist das gewiß nicht auf seine Primärtugenden als Staatsführer zurückzuführen. Nachhaltig beeindrucken vielmehr Reagans ganz persönliche Qualitäten. So sichern ihm seine Gabe, das Präsidentenamt in einen Quell guter Laune zu verwandeln, wie sein Beharren, den Traum vom unübertrefflichen Amerika zur Wirklichkeit zu erheben, schon jetzt den Ruf als Schi, nahender goldenen achtziger Jahre.

Mit solchen Talenten kann keiner der potentiellen Nachfolger dienen. Wo der gelernte Schauspieler die Herzen erhob, verbreiten sie Nüchternheit und Langeweile. Mag George Bush in seiner Rolle als Wahlkämpfer noch soviel Mumm und Volksnähe suggerieren — er bleibt der Gentleman aus gutem Hause, der harte Töne und harte Entscheidungen scheut. Auch Michael Dukakis kann die Sehnsucht nach mitreißendem Schwung nicht stillen. Dem drahtigen Gouverneur aus Massachusetts inangelt es zwar weder an Ehrgeiz noch Kompetenz. Doch bisher verbreitete der kühle Macher eher den Eindruck, sich um den Vorstandsvorsitz eines Großkonzerns zu bewerben, als um das Weiße Haus zu kämpfen.

Da die Statur der Kandidaten viele Fragen aufwirft, sind polemische Antworten wohlfeil. Beide Lager üben sich längst in Tiefschlägen. Der Wahlkampf als Schlammschlacht zeugt nicht bloß von verrohten Sitten. Die Flucht in persönlicher Verunglimpfung beweist auch, daß es der Politik an wählerwirksamen Sachthemen fehlt.

Reagans amerikanische Idylle erlaubt keine existentiellen Streitfragen. Mehr noch als in den europäischen Industriestaaten, wo die Massenarbeitslosigkeit zumindest gelegentlich die Volksseele bedrückt, scheint drüben alles zum Besten zu stehen. Frieden und Wohlstand als Zustand, nicht als Versprechen, heißt deshalb das Motto der Republikaner. Damit kann sich der Mittelstand durchaus identifizieren. Wenn überhaupt, belasten ihn nicht die Probleme von heute, sondern die Sorgen von morgen, ein dumpfes Ahnen, daß die ReaganParty zu Ende geht. Das Aufräumen aber wird den 41. Präsidenten auf harte Proben stellen: Selbst Ronald Reagan mußte trotz seiner ungewöhnlichen Beliebtheit die Macht öfter mit dem Kongreß teilen, als ihm lieb und seinen politischen Zielen zuträglich war. Der Nachfolger des Charmeurs und überragenden Kommunikators wird es aller Voraussicht nach noch schwerer haben, den ständig wachsenden Eigensinn des Capitols zu zähmen, ganz gleich, ob seine Partei dort führt oder nicht. Wie unter diesen Umständen die stets ersehnte leadership bewiesen, wie die Machtbalance zwischen Volksvertretung und Weißem Haus erhalten werden kann, das zählt zu den schwierigsten Aufgaben des nächsten Präsidenten. Nur langsam zeichnen sich die Hypotheken der Reagan Ära ab. Die von ihm verantworteten Horrorzahlen übersteigen vorerst das durchschnittliche Fassungsvermögen. Die während dieser Präsidentschaft angehäuften Schulden werden den Amerikanern jedoch schon bald auf doppelte Weise zu schaffen machen. Die Riesenlöcher in Washingtons Staatshaushalt zwingen zu ungewohnter Sparsamkeit. Die Schulden im Ausland unterhöhlen Amerikas Weltmachtposition. Sie ruhte bisher auf zwei Säulen, der militärischen Stärke und der ökonomischen Überlegenheit. Die größte Schuldennation der Erde ist dabei, zumindest ihre wirtschaftliche Vorrangstellung zu verlieren. Nicht bloß wird der künftige Schuldendienst von jährlich 50 Milliarden Dollar am amerikanischen Wohlstand zehren. Mit Japan und dem zusammenwachsenden Europa etablieren sich gleichzeitig neue Pole der Weltwirtschaft, die sich schwerer in das Koordinatensystem des Weißen Hauses zwängen lassen.

Schon Reagan hatte Mühe, dem agilen Herrn im Kreml Paroli zu bieten. Statt zu eigenen Ideen langte es oft nur zu Reaktionen auf sowjetische Anstöße. Der neue Mann an Amerikas Spitze wird noch heftiger mit Gorbatschow um die globale Meinungsführerschaft ringen müssen. Erwartet werden Anregungen für einen beschleunigten Rüstungsabbau, für die Beilegung regionaler Spannungen und die weitere Entkrampfung des OstWest Verhältnisses. Die friedlicheren, aber auch komplizierteren Verhältnisse stellen hohe Anforderungen an Amerikas nächsten Führer. Supermacht sucht Supermann. Er muß die Starrköpfe daheim eines Besseren belehren und die Verbündeten mit Augenmaß und Geduld auf eine gemeinsame Linie einschwören.