Wie hat sich das Bild gewandelt. Mit vereinten Kräften und mit Milliardensummen versuchten die Notenbanken in Japan und Europa Ende vorigen Jahres dem kränkelnden Dollar auf die Beine zu helfen. Vergebens, gegenüber der Mark und dem japanischen Yen sank der Kurs der amerikanischen Währung auf bis dahin ungeahnte Tiefen. Für wenig mehr als 1,58 Mark konnten sich Bundesbürger damals einen Dollar kaufen, und viele sahen den weiteren Verfall des greenback zwangsläufig vorgezeichnet. Schon ein gutes halbes Jahr später begannen die Notenbanken, allen voran die Deutsche Bundesbank, wieder Milliarden auf den Markt zu werfen. Diesmal sollte damit jedoch der Höhenflug des Dollars gebremst werden. Sogar Bundesfinanzminister Gerhard Stoltenberg mußte jüngst ein Machtwort sprechen, um den Dollarkurs unter die neue Schreckensgrenze von 1,90 Mark zu drücken. Ein höherer Kurs als diese 1,90 Mark, so meinte der Minister, sei derzeit nicht erwünscht.

Sogar das in den Augen der Finanzleute enttäuschend hohe Defizit in der amerikanischen Außenhandelsbilanz von 12,5 Milliarden Dollar im Juni brachte die amerikanische Währung am Dienstag dieser Woche nur kurz unter Druck. Die Schrecksekunde der Spekulanten kostete den Dollar zwei Pfennig, aber bei 1,86 Mark für den Dollar war dann auch schon Schluß.

ökonomisch scheint die Sache klar: Der befürchtete Konjunktureinbruch nach dem Börsenkrach vom Oktober vorigen Jahres blieb aus. Im Gegenteil, die Wirtschaften in den wichtigsten Industrienationen, besonders die der Vereinigten Staaten, sind in den vergangenen Monaten ordentlich in Schwung gekommen. Wachstumsraten von gut vier Prozent in Amerika und drei Prozent in der Bundesrepublik gelten jetzt als realistisch.

Überraschende Exporterfolge ließen das Defizit in der amerikanischen Handelsbilanz schrumpfen, und höhere Zinsen in den Vereinigten Staaten auf der einen, die leidige Quellensteuer hierzulande auf der anderen Seite nährten die Überzeugung vieler Geldanleger, daß der Dollar wieder eine Währung sei, der man Vertrauen schenken könne.

Allein aus deutschen Landen sind in diesem Jahr schon rund fünfzig Milliarden Mark ins Ausland, vorzugsweise in Dollaranlagen, abgeflossen, rechneten die Frankfurter Währungshüter kürzlich aus. Die neue Sympathiewelle spülte den Dollar nach oben und drückte die Mark unter Wasser. Sogar im Europäischen Währungssystem (EWS) nimmt die sonst traditionell feste Deutsche Mark derzeit nur einen bescheidenen Mittelplatz ein.

Aber plausible Erklärungen müssen nicht zwangsläufig auch richtig sein. Sieht man nämlich ein wenig genauer hin, dann ist das Bild noch keineswegs so rosig, wie es die neuen Dollarenthusiasten glauben wollen. Denn es führt noch kein Weg daran vorbei: Die Grundprobleme der Dollarkrise vom Herbst 1985 bis Ende vergangenen Jahres sind noch lange nicht gelöst.

Noch immer stehen den bejubelten Exporterfolgen ein großes Defizit im Staatshaushalt und sogar wachsende Fehlbeträge in der ökonomisch wichtigeren Leistungsbilanz gegenüber, in der neben dem Außenhandel und den Dienstleistungen die immensen Zinszahlungen an ausländische Gläubiger erfaßt werden. Noch immer sind die Überschüsse Japans, der vier asiatischen Tiger Taiwan, Korea, Hongkong und Singapur sowie der Bundesrepublik im Handel mit den Vereinigten Staaten dramatisch hoch. Auch gibt es keine Anzeichen dafür, daß die konsumfreudigen Amerikaner künftig mehr sparen wollen, damit heimische Investitionen und vor allem der defizitäre Staatshaushalt wenigstens zu einem etwas größeren Teil aus inländischen Quellen finanziert werden können. Daran hat sich nichts geändert: Die Amerikaner leben weiter kräftig auf Pump.