Von Peter Reichel

Unsere Einstellung zur Weimarer Republik ist unentschieden und zwiespältig. Politisch und ökonomisch wird sie nicht selten zum bloßen Vorspiel des "Dritten Reiches" abgewertet. Bestenfalls gilt sie als krisenhaftes Zwischenspiel vom Kaiserreich zur NS-Diktatur. Eine "ungeliebte", jedenfalls eine unglückliche Republik. Künstlerisch und kulturell war sie jedoch eine der profiliertesten Perioden der deutschen Geschichte. Aber warum?

Wer nach Antworten auf diese Frage sucht, muß sich mit der gestörten Beziehung von Kultur und Politik beschäftigten. Eine Beziehung, die durch Abhängigkeit und Autonomie geprägt war, aber auch durch Ausgrenzung und Abwertung. Aus diesem Spannungsverhältnis ging im späten 18. Jahrhundert das Projekt der Moderne (Habermas) hervor, hier formierte sich aber auch immer wieder der Protest gegen die Moderne.

Die Weimarer Republik hat das Verhältnis von Kultur und Politik mit extremen Entwicklungen konfrontiert. Die intellektuell-künstlerische "Linke" zielt durch Politisierung von Kunst und Kultur auf soziale und politische Veränderungen schlechthin. Aber sie scheiterte an den gesellschaftlichen Verhältnissen. Der antimoderne Protest der gegenrevolutionären "Rechten" war erfolgreicher. Er setzte sich über die gesellschaftlichen Verhältnisse hinweg. Durch Terror und durch Ästhetisierung der Gesellschaft und Politik.

Etwas von dieser Perspektive wird auch in einem in der DDR entstandenen Buch über die "zwanziger Jahre" sichtbar. Jedenfalls bemühen sich die Autoren, die Kultur der Extreme aus den Extremen der Gesellschaft heraus verständlich zu machen:

Bärbel Schräder/Jürgen Schebera: Die "goldenen" zwanziger Jahre. Kunst und Kultur der Weimarer Republik Böhlau Verlag, Köln 1987; 279 S., 78,– DM.

Der Zusammenbruch der Monarchie, der 1. Weltkrieg und die "Schmach" von Versailles, Hunger und Inflation verschärfen die Klassengegensätze und die kulturellen Konflikte. Kunst und Massenkultur geraten in Bewegung. Eine Bewegung, die sie zur Selbstaufgabe der Autonomie des Ästhetischen treibt, ja, zum Aufgehen in der Gesellschaft überhaupt. Das Expressive drängt das Esoterische zurück, das Mobilisierende das Museale. Die Suggestion und Dramatik auf Bühne und Leinwand treten gegenüber der zur Kulturreligion erstarrten bürgerlichen Hochkultur in den Vordergrund. Neben die geistig-literarischen Medien – Sprache, Buch und Zeitung – drängen die technisch-audiovisuellen: Photographie, Film, Architektur, Rundfunk und Schallplatte.