Von Klaus von Münchhausen

Neben Jehuda Garai sitze ich im Innenausschuß des Deutschen Bundestages. Es ist der Morgen des 24. Juni 1987. Nach mehrfacher Kontrolle unserer schriftlichen Einladungen und der Personalausweise durften wir in den Sitzungssaal, und mit einiger Mühe fanden wir auch unsere Namensschilder auf den unübersichtlichen Tischreihen. Starkes Deckenlicht und Lautsprecher sorgen dafür, daß jeder gesehen und gehört werden kann; uniformierte Bundestagsangestellte bewachen die hohen Stapel von Unterlagen, bestimmt für Abgeordnete und Sachverständige. Die geschäftsmäßige Atmosphäre hat unsere Stimmung gedämpft: Hinsetzen und Abwarten.

Jehuda Garai arbeitet als Arzt und Psychiater in Tel Aviv. Wir zwei sind die Sachverständigen des Israelischen Komitees der Auschwitzüberlebenden, geladen zu der "öffentlichen Anhörung des Innenausschusses über die Wiedergutmachung und Entschädigung für nationalsozialistisches Unrecht" in Bonn. Es wird die erste und wohl auch einzige öffentliche Anhörung sein, in der Nazi-Opfer vor dem bundesdeutschen Parlament über das Schändliche, das ihnen angetan, und wie dies entschädigt wurde, werden berichten können. Es sind Vertreter der – mittlerweile – organisierten Zwangssterilisierten, der Sinti und Roma, jüdischer und nichtjüdischer KZ-Häftlinge, der Homosexuellen und der Zwangsarbeiter eingeladen.

Die Stimmung ist gespannt. Aus Gesprächen in den Fraktionen der Grünen und der SPD weiß ich, daß es im Innenausschuß schon in der Vorbereitung zur Anhörung Streit gegeben hat: welche Fachjuristen, Mediziner und Beamten aus den Entschädigungsbehörden eingeladen werden sollen und wie der Fragenkatalog lauten solle. SPD und Grüne hatten Mühe, die CDU/CSU-Fraktion zur Aufnahme kritischer Fragen zu bewegen.

Wie wird sich ein Jude fühlen, der mit 16 Jahren nach Auschwitz gebracht wurde, wenn er jetzt für andere jüdische Opfer sprechen soll? Was davon wird ein deutscher Parlamentarier verstehen? Macht er – mit Rücksicht auf die öffentliche Meinung – im stillen bereits eine Folgekostenkalkulation? Was kann Jehuda Garai erwarten? Mitleid oder eine verständnisvolle Erörterung des Schicksals von Überlebenden, Einfühlungsvermögen oder womöglich am Ende gar einen üblen Hauch von Antisemitismus?

Es ist einige Jahre her, daß ich, am 40. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch die Sowjetarmee, in Tel Aviv Lilli Kopecky, die Generalsekretärin des Komitees, kennenlernte. Tausende von Überlebenden hatten sich dort zu einer Gedenkveranstaltung getroffen. Mein Freund Dany Schuber aus Haifa hatte mir geraten, meinen nächsten Urlaub so zu planen, daß ich daran teilnehmen könne. Meine Bedenken, als Deutscher könne ich unangenehm auffallen, wischte er weg: jeder, der wolle, könne dabeisein. Aus Haifa fuhren drei Busse mit Überlebenden nach Tel Aviv. "Es hätten auch sechs Busse sein können, aber ich habe es nicht geschafft, das zu organisieren", entschuldigte Dany sich bei mir, "es haben sich mehr alte Leute gemeldet, als wir uns gedacht haben."

Es wurden Lieder gesungen und Gedichte aus dem KZ vorgetragen, und Mordechai Gur, der frühere Generalstabschef der israelischen Armee, hielt eine Rede, die mich tief beeindruckte. Er erklärte den alten Leuten, deren Stimmung sich bei seinen Worten sichtlich hob, sie, die Überlebenden der Vernichtungslager, seien die Inspiration und moralische Verpflichtung für die Lebensnotwendigkeit des Staates Israel.