Er war wirklich der große Unbekannte, der Komponist Giacinto Scelsi, der am 9. August im Alter von 83 Jahren in Rom gestorben ist. Noch die Nachricht von seinem Tode, die sein Pariser Verlag über die französische Nachrichtenagentur verbreitete, blieb stundenlang ohne Echo bei der Konkurrenz, weil ihn fast niemand außerhalb des gesellschaftlich abgegrenzten Geländes der Neuen Musik kennt. Scelsi hat sich selten öffentlich gezeigt – außer bei der römischen Gruppe Nuova Consonanza in deren Gründungsjahren und bei dem (Ende der sechziger Jahre eingestellten) Festival in Palermo. Der kleinwüchsige, unauffällig gekleidete sizilianische Aristokrat – den Adelstitel Graf von Ayala erfahren selbst seine engsten Bewunderer nun aus der Todesnachricht – lebte seit Jahrzehnten zurückgezogen in seinem römischen Haus. Es gibt von ihm weder Photos noch Film- oder Fernsehaufnahmen. Seine Partituren ließ er von einem Sekretär ins Reine schreiben: Fast niemand kennt seine Handschrift.

1908 in La Spezia geboren, erhielt Scelsi eine aristokratische Erziehung, die er selbst einmal mittelalterlich nannte, aber nur rudimentären Harmonielehre- und Kompositionsunterricht in Rom, Genf und Wien. In Genf gab er eine literarische Zeitschrift heraus, in Paris befreundete er sich mit Henri Michaux und veröffentlichte drei Gedichtbände. Seine frühen Kompositionen wechselten mehrfach in Stil und Anspruch. Erst ausgedehnte Asienreisen und die Vertiefung in Vorstellungen asiatischer und indianischer Religionen brachten ihn zu einer eigenen Kompositionsweise, in der mit der Sprache der neuen Musik Mythologisches klanglich dargestellt wird. Das sozusagen produktive künstlerische Paradox besteht in der Anwendung der scheinbar rein rationalen Sprache der Zwölftonmusik und des parametrischen Denkens der Serialität auf scheinbar irrationale Vorstellungen, wie die des Zen-Buddhismus. Anders als John Cage, der zen-buddhistisch alle Klänge, Töne und Geräusche eines Stücks als eigene Wesen versteht, hatte Scelsi sich auf einen einzelnen Ton derart konzentriert, daß er aus ihm allein eine ganze Komposition ableitete.

Scelsis Musik wurde erst in den letzten Jahren ein wenig bekannter, nachdem in Stuttgart, Frankfurt und Köln seine größer besetzten Stücke aufgeführt wurden und ein Verlag sein Werk zugänglich machte. Das Publikum des ihm gewidmeten Eröffnungskonzerts der Weltmusiktage 1987 in der Kölner Philharmonie bereitete, dem Beispiel John Cage folgend, dem zusehends gebrechlicheren Komponisten eine überwältigende Standing ovation ‚ die erste in der Kölner Philharmonie überhaupt. Mit Scelsi verliert die Musikwelt einen, erst noch richtig zu entdeckenden großen Komponisten der Musik der Nachkriegszeit.

In Deutschland kann man Scelsi immerhin kennnenlernen durch einen Band, der von Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehm herausgegebenen Reihe "Musik-Konzepte" (Band 31, Verlag edition text + kritik, München, 1983; 120 Seiten, 18 Mark. Reinhard Oehlschlägel