Von Bartholomäus Grill

Hannover, im August

Schon im fernen Florida hatte er es gerühmt, sein visuelles Gedächtnis. Nun wollte Laszlo Maria von Rath auch in Hannover, vor dem Spielbanken-Untersuchungsausschuß, mit präzisem Erinnerungsvermögen auftrumpfen und seine schweren Vorwürfe gegen die niedersächsische CDU untermauern. "Der Tisch stand in Nord-Süd-Richtung", erklärte der abtrünnige Ex-Wahlkampfberater der Christdemokraten an der Leine.

Rath meinte damit jenen Tisch im hannoverschen "Luisenhof", an dem er vor über 18 Jahren zusammen mit dem heutigen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, mit CDU-Chef Wilfried Hasselmann und dem damaligen CDU-Generalsekretär Dieter Haaßengier gesessen haben will, um mit ihnen ein Millionengeschäft zu besprechen: Die CDU sollte im Landtag für ein Gesetz zur Einrichtung von Kasinos stimmen und sich ihr Votum fürstlich belohnen lassen – durch eine Spielbanken-Beteiligung, die die leere Parteikasse schnell gefüllt hätte. Seine Aufgabe sei es gewesen, beharrte der Dollarmillionär aus Amerika, die gewinnträchtigen Anteile als Treuhänder der CDU zu verwalten. Doch stichhaltige Beweise blieb er auch vor dem Untersuchungsausschuß schuldig, obwohl er sie zuvor lauthals angekündigt hatte.

Freilich mochte es den CDU-Migliedern in diesem Gremium auch nicht so recht gelingen, den Kronzeugen als Person zu diskreditieren. Durch eine fadenscheinige sprachwissenschaftliche Expertise wollten sie Rath als notorischen Lügner überführen. Zudem versuchten sie mit Taufurkunde und Brockhaus-Auszug die auffrisierte Biographie des redseligen Immobilienmaklers als Lebenslüge zu entlarven. Tenor: Der 66jährige ist ein Aufschneider und trägt den Adelstitel zu Unrecht. Allein, alle Befrager blieben bei der Anrede "von Rath"; und der ließ sich durch die Attacken nicht von seinen Behauptungen abbringen. Sein Gedächtnis für Zahlen und Fakten erwies sich allerdings im Verlaufe der Vernehmung als weniger exakt. Rath verwechselte schon mal entscheidende Jahre und schien leicht irritiert über ein Dokument, das belegt, daß er im Dezember 1969 höchstpersönlich eine Spielbank-Konzession beantragt hatte. "Der wollte doch selber an das große Geld", triumphierte CDU-Generalsekretär Hartwig Fischer in einer Sitzungspause.

Der ungarnstämmige Zeuge ließ sich indes nicht aus der Fassung bringen. Mit sonorer Stimme, so leise sprechend, als sei er nicht im unruhigen Landtagssaal 1105 zu Hannover, sondern in einem Budapester Schachcafe, wiederholte er seine alten Vorwürfe. Auch jener Zuhörer, der den Spiegel zum Schalltrichter umfunktionierte, hörte nichts, was nicht schon in diesem Magazin zu lesen gewesen war. So existiert bislang als wichtigstes Indiz für Raths Version ein Brief Wilfried Hasselmanns vom 30. April 1969. Darin kündigt der Landesvorsitzende der CDU "Herrn L.M. Rath" bei Rudolf Kalweit, einem Konzessionsbewerber, an, um "ein etwas diffiziles Problem, das unsere Partei in Niedersachsen beschäftigt" vorzutragen.

Fest steht: Kaiweit hat keine Kasino-Lizenz ergattert, die CDU nie über eine Spielbanken-Unterbeteiligung von der Spielsucht der Bürger profitiert. Falls es den Versuch zu einem solchen Handel gegeben haben sollte – Rath gelang es nicht, diesen zu belegen. Erschöpft wirkte der Hauptbelastungszeuge nach seinem ersten Tag im Ausschuß, doch keineswegs angeschlagen. Alle waren gespannt darauf, ob er am zweiten Tag neue Enthüllungen präsentieren und durch Material aus seiner schwarzen Aktentasche stützen würde. Doch es kam nicht dazu: Am frühen Morgen wurde Rath in ein Hildesheimer Krankenhaus eingeliefert. Diagnose: akuter Herzinfarkt.