Von Willi Winkler

In seine schlimmste Krise geriet er 1974. Da lief "Der große Gatsby" mit einem Robert Redford, der nur im Weißen Anzug auftrat. Im Weißen Anzug! Seinem Weißen Anzug!! Tom Wolfe war erledigt... Existentiell am Ende... Kaum hatte er sich von dem Schock einigermaßen erholt, spazierte John Travolta seelenruhig im Weißen Anzug durch "Saturday Night Fever" – In seinem Weißen Anzug!!! Die Knabenmorgenblütenträume der Sechziger, die Renaissance der amerikanischen Literatur... der Neue Journalismus war damit plebejisiert, vorbei und verweht. Aus. Nichts mehr. Ende der Durchsage.

Aber im Ernst. Als Tom Wolfe 1973 für die Anthologie "The New Journalism" Beiträge von Norman Mailer, Joan Didion, Truman Capote, Gay Talese, Terry Southern und sich selbst sammelte, erklärte er im Vorwort, daß die "wichtigste Literatur, die im heutigen Amerika geschrieben wird, nonfiction" sei und aus der von ihm mitbegründeten Schule des Neuen Journalismus komme.

Und er hatte nicht einmal unrecht: Tom Wolfe und die anderen waren überall zur Stelle, wo die action abging. Die Stilisierung zum Manhattan-Flaneur mit Stöckchen und Homburg hat Wolfes Renommee als Journalist nie beeinträchtigen können. Enzensbergerhaft sauste er durch alle Schichten der Gesellschaft, beschrieb unterschiedslos high life und low life, vor allem aber die Phänotypen der Jugendkultur der sechziger Jahre: Surfer, Rennfahrer, teenage queens, Discjockeys. Er traf sich mit Phil Spector, der als Plattenproduzent seine erste Million zusammen hatte, bevor er volljährig war, er entdeckte den radical chic, die plötzliche Begeisterung der Reichen für schwarze Revolutionäre, er verfolgte Bomberpiloten und Astronauten und feierte sie als die letzten amerikanischen Helden. Und indem er über sie schrieb, wurde Tom Wolfe selber zu einem Phänomen der Popkultur. Was kann ein Journalist mehr erreichen?

Seine Geschichten strotzten von Neologismen, von Anleihen beim Pop und der Werbesprache, sie waren schamlos oberflächlich und demagogisch (diese Ausrufezeichen!!!), aber sie waren wirklich erlebt. Wolfe trug mehr heim als die bloßen Fakten, er brachte dem friedlich schlummernden Amerika die Stimmung draußen mit. Das war Modeberichterstattung in höchster Vollendung, die Literatur der Stunde.

Von der reinen Literatur war das natürlich meilenweit entfernt, obwohl Wolfe seine Reportagen immer als Geschichten inszenierte, die Leute in der dritten Person reden & denken ließ. Einer wie Tom Wolfe brauchte die Nobilitierung durch die Literatur gar nicht, er war ohnehin der Bessere. Freundlich bedankte er sich bei den Kollegen von der verbissenen Zunft, bei Saul Bellow, Philip Roth und John Barth, weil sie in ihren Büchern auf Realismus freiwillig verzichteten und ihm und seinen peers das Feld überließen. Die reine Literatur hatte ausgedient, seit Tom Wolfe die Szene betreten hatte.

1962 war Dr.Thomas Kennerly Wolfe jr., geboren 1931 in Richmond in Virginia, Promotion in Amerikanistik in Yale (über kommunistische Literaturverbandspolitik in den Dreißigern), nach New York City gekommen. Aufsehen war damals nicht mit einer besonderen Schreibe, sondern nur mit extravagantem Auftreten zu erregen. Und so ließ er sich beim Schneider seinen ersten Weißen Anzug bauen. Egal, wo er fortan hinkam, nie legte er seine teuren steifen Kleider ab.