Von Robert Leicht

Gewiß wäre die These mehr als gewagt, der Zustand einer Gesellschaft spiegele sich in ihrer Kriminalität wider. Ganz bestimmt aber geben die Reaktionen auf ein sensationelles Verbrechen Einblick in die innere Verfassung eines Gemeinwesens. Polizei, Presse und Politik – was lehrt uns ihr Verhalten in und nach dem Geiseldrama von Gladbeck über den Zustand in unserer Republik?

Wenn ein Verbrechen, das die Nation über Tage vor den Bildschirmen in Atem hält, in einer wirren Schießerei endet und insgesamt das Leben dreier unschuldiger Menschen fordert, dann reicht eine rein handwerkliche Kritik der Polizeiarbeit nicht hin. Darüber hinaus müssen auch die Journalisten, auch die Politiker Rechenschaft über ihr Tun und Lassen ablegen. Dabei geht es nicht nur um bestimmte Pannen, sondern vor allem um die bestimmenden Prinzipien ihres Handelns.

Innere Sicherheit in einem liberalen Rechtsstaat – das ist ein Politikum ersten Ranges. Und zwar nicht nur im Sinne jener frechen Parteitaktiker, die nun auf den Särgen der Opfer ihre schlimmen Sprüche klopfen, allen voran wieder einmal Heiner Geißler: Der schreckliche Ausgang des Geiselverbrechens sei die Frucht einer "Rechtspolitik, in der offensichtlich Täterschutz vor Opferschutz geht" – Irrsinn zugleich und Infamie!

Nein, um ein Politikum geht es vor allem deshalb, weil die Ratlosigkeit und Empörung die Räson unseres Rechtsstaats zu erschüttern drohen. Gewiß, was da über die Fernsehschirme verbreitet wurde, das ließ die Polizei als schwach erscheinen. Aber sind deshalb die Prinzipien unseres staatlichen Handelns in solchen Situationen falsch? Und welche Bilder sind uns eigentlich vermittelt worden, von wem und in welcher Verantwortung?

Hinterher sind wir alle klüger – in dieser Erfahrung werden Grenze und Sinn der Kritik am Polizeieinsatz deutlich. Dabei wissen wir, daß Gelingen und Versagen in solchen dramatischen Geschehen eng beieinander liegen.

Das zeigen zwei nachträglich konstruierte, immerhin mögliche Abläufe. Gesetzt den ersten Fall: Unmittelbar nach dem Überfall rückt die Polizei lautlos zum Bankgebäude vor. Die zwei Räuber wähnen sich noch sicher und ziehen mit dem Geld ab, ohne Geiseln zu nehmen. Anschließend nimmt die Polizei ihre Verfolgung auf. Wer weiß, ob bei einem solchen Hergang das Verbrechen zu mehr als einer einspaltigen Meldung auf den hinteren Zeitungsseiten geführt hätte? Gesetzt den zweiten Fall: Hätte einer der Schüsse am Ende der Verfolgungsjagd den Verbrecher, der Silke Bischoff ermordete, sofort getötet, wären also beide Geiseln gerettet worden – wir hätten die Beamten des Einsatzkommandos als Helden gefeiert, ungeachtet mancher Fehler zuvor.