Noch viele brauchen Hilfe, aber die Spenden bleiben aus

Von Burkhard Kieker

Afghanistan", hatte der Mudjahedin Maulavi Mahnad stolz gesagt, als das Niemandsland hinter uns lag, und auf die mächtigen, schneebedeckten Viertausender des Hindukusch gedeutet. Nun, nach sechsstündigem Marsch durch seine Heimatprovinz Paktia, schweigt der Maulavi. Wir ziehen durch eine Geisterlandschaft: Die Dörfer sind Ruinen, nur noch Steinhaufen, umgestürzte Lehmwände, Fensterhöhlen. Dazwischen, wie Pockennarben, kreisrunde Bombentrichter, herausgestanzt aus dem Schotterboden, gefüllt mit Gerümpel. Aus dem Dorfbrunnen riecht es faulig. Aquädukte und Kanäle, die seit Jahrhunderten das Wasser von den Bergwänden in die trockenen Täler leiteten, sind gesprengt, versandet. Von den einst schattigen Obstgärten sind die Stümpfe der Bäume geblieben, die Stämme wurden verheizt, die Begrenzungsmauern von den Schurawi, den Russen, niedergewalzt, weil sie den Guerillas Deckung boten. Die Sowjets hatten Befehl, hier auf alles zu schießen, was sich bewegt. Fire-Free-Zone nannten das die Amerikaner in Vietnam.

Der Wind treibt schmutzig-braune Staubfahnen durch das Tal. Lange wandern wir über die öden, versalzenen Felder, ohne einem Menschen zu begegnen. "Alle fort", wird uns später ein Mudjahedin-Kommandant sagen und dabei beiläufig mit der Hand Richtung Pakistan wedeln. Gräber gibt es hier zu Hunderten, wahllos und hastig über das Tal verstreute Hügel, auf denen an langen Weidenruten grüne und weiße Wimpel für die Märtyrer des Jehad, des Heiligen Krieges, im heißen Wind knattern. Skelette von Kamelen und Mulis liegen im Gebüsch neben dem Pfad. Vielleicht hat sie ein russischer Kampfhubschrauber niedergemäht. Vielleicht haben sie eine jener tückischen olivgrünen Konservenbüchsen berührt, die ihre Opfer mit tausend Splittern zerfetzen. "Minen", hatte der Maulawi gewarnt, "überall hier gibt es Minen." Zehn bis dreißig Millionen Minen sind es nach Schätzungn der UN. Ab und zu hallt das Grollen von Granateinschlägen durch das Tal. Dann liegt wieder Totenstille über der Landschaft.

Jenseits der Grenzen, in den Flüchtlingslagern Pakistans und des Irans, warten 4,5 Millionen Afghanen ungeduldig darauf, in ihre Heimat zurückkehren zu können. Das Abkommen von Genf, in dem die Sowjets den Abzug ihrer Truppen bis zum 15. Februar 1989 ankündigten, hat den Flüchtlingen Hoffnung gemacht. Doch nach zehn Jahren Krieg ist die Heimat verwüstet, sie wird die Rückkehrer nicht ernähren können. Neues Leid erwartet sie: Obdachlosigkeit, Hunger, Seuchen, vielleicht auch Bürgerkrieg.

Bei einem Besuch in der pakistanischen Grenzstadt Peschawar im Frühjahr hatten wir Massoud Chavidi getroffen. Er stammt aus der Provinz Wardak und war dort früher einmal ein großer Bauer. Achtzehn Hektar Land besaß er, dazu zehn Zugochsen und sogar ein paar Weinreben. Als vor sechs Jahren sowjetische Panzer auf der Suche nach Mudjahedin durch sein Dorf walzten, ist Massoud mit seiner Familie geflüchtet. Jetzt, im Schatten einer Lehmmauer des Flüchtlingscamps Nasir Bagh, kann sich der Mann kaum auf seinen Krücken halten. Vor ein paar Monaten hat er sich nach Afghanistan eingeschmuggelt, um die Möglichkeit für eine Rückkehr mit seinen zwei Frauen und den sechs Kindern zu erkunden. Er fand seinen Hof in gutem Zustand, die Felder waren bestellt. Als ihn die neuen Besitzer erblickten, schossen sie Massoud mit einer Kalaschnikow-Maschinenpistole zum Krüppel.

Zwei seiner kleinen Jungen, dreckig, zerlumpt, aber gut ernährt, spielen zwischen den Beinen des Vaters, verstecken sich unter dem wallenden Stoff. Massoud sagt: "Es ist genug gekämpft worden. Wenn die Schurawis wirklich abziehen, werde ich zurückgehen. Dann fängt ein neues Leben an. Alle hier in den Camps denken so."