ARD, Freitag, 19. August: "Muttermaschine? Schwanger für Geld"

Es lebten zu Märchenzeiten ein König und eine Königin, die waren über die Maßen betrübt, denn sie hatten keine Kinder. Und es hausten auf der anderen Seite des Waldes ein armer Köhler und seine Frau, denen der Herrgott das siebente Kind in die Wiege legte, wo sie doch kaum wußten, wie sie ihre sechs sattkriegen sollten. Drei Bedingungen waren erfordert, damit sich das Unglück rund ums Kind in ein Allokationsproblem verwandelte, das mittels der Institution Leihmutter zu lösen sei: Der Herrgott mußte abdanken, die Marktwirtschaft sich verallgemeinern und die Gentechnologie erfunden werden. So ist es gekommen. Die Leihmutter ist da, Kindersegen steuerbar, doch der Mensch ist trotzdem nicht froh.

Sabine Zurmühls gelungener Film "Muttermaschine? Schwanger für Geld" zeigte, daß der Problemlösungsmechanismus "Leihmutter" zu viele neue Schwierigkeiten hervorbringt, als daß er der Rationalität, die ihn entwarf, serienreif erscheinen dürfte. Da ist zum ersten die Anbieterin der neuen Dienstleistung. Wer stellt sicher, daß sie es freiwillig tut – manche Männer drängen ihre Frauen um des Mammons willen –, daß sie es verkraftet, das heißt, die Leibesfrucht nicht doch behalten will? Da sind die Nachfrager, kinderlose Paare, denen eine zweite Frau "die Einheit ihrer Ehe" stört und denen vielleicht das Produkt nicht gefällt, das sie in Auftrag gaben. Da sind drittens die Makler, die Angebot und Nachfrage zueinander bringen und aus diesem Schritt einen Erlös pressen, der manchen wucherisch erscheint. Wie sind sie zu bremsen, zu steuern, zu kontrollieren, wie – wo möglich – zu verbieten? Und da ist das Kind, dessen Herkunft zweideutig ist und dessen Anrecht auf den Mutterbusen übergangen wird.

Leihmutterschaft berührt nicht nur die Marktteilnehmer einschließlich des "Baby-Brokers", sondern das Rechtssystem, das. medizinische Ethos, die Kirchen und die Menschenwürde. Wäre es am Ende besser, da ein Verbot nichts fruchten dürfte, die Leihmutter juristisch zu akzeptieren und ihre Verhandlungsposition per Gesetz zu stärken? Oder sollte man mit der amerikanischen Organisation "Finrage" den Geschäftemachern am Fortpflanzungsmarkt das Handwerk möglichst morgen legen? Ist Leihmutterschaft etwas anderes als eine Prostitution der Gebärmutter?

An amerikanischen Beispielen führte Sabine Zurmühl vor, wohin die Reise geht. Drüben gibt es eine legale Agentur, die Wunschkinder vermittelt und junge Frauen als deren Trägerinnen anheuert – aber es gibt auch Finrage. Hier bei uns ist die Lage unklar: Leihmütter machen sich nicht strafbar, Verträge aber, die sie zur Herausgabe des Neugeborenen verpflichten, sind nichtig. Praktisch existiert die "für Geld Schwangere" bereits, juristisch und ethisch aber will man sie nicht anerkennen. Es scheint, als wehrte sich die Gesellschaft mit Macht, aus der Herstellung jener "drei Bedingungen" die Leihmutter-Konsequenz zu ziehen. Die Verworrenheit der Lage und die ablehnende Haltung der Autoritäten lassen doch eine optimistische Interpretation zu:

Zwar kommt Gott nicht wieder, zwar verschwindet der Markt so wenig wie die Gentechnologie, doch daß aus dem Kinderwunsch eine Nachfrage und aus dem Unglück ein Problem werde, da sind vielleicht der König, die Königin und die Köhlerfamilie vor. Denn die leben, da sie nicht gestorben sind, noch heute.

Barbara Sichtermann