Von Gabriele Venzky

Islamabad, im August

Die einzige wirklich freie Abstimmung des pakistanischen Volkes über seine Politik und Person hat Präsident Zia ul-Haq nicht mehr erlebt. Sie fand am Tag seiner Beerdigung statt. Hunderttausende säumten den Weg, auf dem die Lafette mit dem Sarg nur mühsam vorankam. Auch die Faisal-Moschee, deren riesige Kuppel die Hauptstadt Islamabad beherrscht, konnte die Menschenmassen nicht aufnehmen. Zia hatte diese größte Moschee der Welt erst im Juni eingeweiht. War der vielgeschmähte Autokrat vielleicht doch populärer, als Pakistans Intellektuelle und die ausländischen Beobachter es hatten wahrhaben wollen? Die Frage wird sich nie mehr beantworten lassen. Zu Lebzeiten hatte Zia faire Wahlen gescheut, und das Massenbekenntnis in der vergangenen Woche galt einem Toten.

Die Trauer der Menschen, die stundenlang in der Mittagssonne ausgeharrt hatten, war zweifellos echt. Sie drängten sich um ein Grab, in das der Sarg hinuntergelassen wurde und nicht, wie es der islamische Brauch vorschreibt, die in ein Tuch gehüllte Leiche. Das Unglück ließ keine andere Wahl: An der Stelle, an der am vergangenen Mittwoch das Flugzeug Zias und seiner 29 Begleiter abgestürzt war, wurden nur noch kaum identifizierbare Leichenteile gefunden.

In Pakistan zweifelt kaum jemand, daß der Flugzeugabsturz auf Sabotage zurückzuführen ist. Immer mehr verdichten sich die Vermutungen, Angehörige der Armee hätten den Anschlag verübt. Wer sonst, so fragt man zu Recht, hatte Kenntnis von den geheimgehaltenen Reiseplänen des Präsidenten? Wer außer Militärs konnte den Schutzring durchbrechen, die mit den Sicherheitsvorkehrungen für den Chef der Streitkräfte befaßt waren?

Seit Wochen schon hatten sich hartnäckiges Gerüchte gehalten, Zia habe am 29. Mai deshalb so überstürzt die Nationalversammlung aufgelöst und die Zivilregierung geschaßt, weil er von einem bevorstehenden Putsch der Armee gehört hatte. Auffallend war, daß der 64jährige General seither die Hauptstadt Pakistans nie länger als für wenige Stunden verlassen und kein einziges Mal mehr im Präsidentenpalast in Islamabad übernachtet hatte; statt dessen hatte er in der schwerbewachten Residenz des Armeechefs in Rawalpindi Schutz gesucht. Obwohl Zia ul-Haq in den letzten Wochen seines Lebens isolierter und unbeliebter war als je zuvor in den elfeinhalb Jahren seit seinem Aufstand gegen Zulfikar Ali Bhutto im Jahre 1977, hat sein Tod in Pakistan ein Vakuum hinterlassen. So bald wird es niemand füllen können. Die spontane Freude der Opposition über Zias Tod währte nur wenige Stunden. Sie hat längst einer stillen Nachdenklichkeit Platz gemacht. Es herrscht nur wenig Zuversicht, daß sich nun alles zum Besseren wenden werde. Nach den 42 Jahren der Unabhängigkeit, in denen das Land bloß sieben Jahre Demokratie erlebte, ist Skepsis durchaus angebracht.

Dennoch wird sich in Pakistan manches ändern. Das gilt für die Entwicklung im Inneren wie für die Außenpolitik. Vor allem das Verhältnis des Landes zu den Vereinigten Staaten, das entscheidend von Zia geprägt worden war, wird sich wandeln, aber auch die Zusammenarbeit mit den Mudschaheddin im benachbarten Afghanistan.