Von Volker Hage

Nur noch ein Wort über Venedig", schrieb Fontane im Oktober 1874 aus der Lagunenstadt, die er zum ersten Mal besuchte und keineswegs "dauernd vor Augen" haben wollte. "Dazu ist mir, rundheraus gesagt, die ganze Geschichte doch zu schmutzig." Er sah das "Gewirr der Gassen" mit "sehr gemischten Empfindungen". Er kam zu dem Ergebnis: "Die ganze Welt der Erscheinungen ist nicht dazu da, um Malern und Poeten wünschenswerte und bequem liegende Stoffe zu bieten."

Viele Worte dagegen aus und über Kalkutta: Der Maler und Poet, der sich im September 1986 zusammen mit seiner Frau nach Indien aufmachte, die Romane Fontanes im Reisegepäck, hat nun, zurückgekehrt, Bericht erstattet, in Prosa und Vers – und mit Zeichnungen: "Zunge zeigen". Sagen wir es gleich: Günter Grass präsentiert eine mißvergnügte und mißglückte Mischung aus Tagebuch, Reisejournal, Skizzenwerk und politischem Kommentar.

Fontane, der Wehrlose und Bescheidene, ist immer dabei, "nicht aufdringlich, aber oft ungerufen". Er kauft "mit uns" (dem Ehepaar Grass) im New Market ein, überredet den Kollegen mitten in Kalkutta, "ein Bügeleisen und (schwieriger) ein Bügelbrett für Ute zu kaufen, die unbedingt bügeln, selber bügeln, trotz feuchter Hitze und Stromsperre bügeln will". So muß der kumpelhaft beschworene Ahn auch für einen ersten schnellen Blick auf Stadt, Land und Leute herhalten: "Je länger ich hinsehe, wir hinsehen – und Fontane ist ein süchtiger Beobachter –, kommt uns Indien, jenes Land also, in dessen Elend so viel Geheimnis hineingeredet wird, das als unergründbar, undeutbar gilt, geheimnisloser (sagt er) als Dänemark vor: ein abgeschmackter Aberglaube, die Religion."

Nein, so hätte es Fontane ganz sicher nicht gesehen. "Auch hier, wie überall im Leben, heißt es sich bescheiden", schrieb er in Briefen aus Italien. "Wer alles zwingen will, wird nur konfus." Und selbstkritisch fügte der gute Mann damals hinzu: "All diese Betrachtungen, wenn ich sie überfliege, sehen mich etwas pappstofflich an; es ist nicht der Ton, in dem ich sonst wohl Briefe zu schreiben pflege."

Grass will es zwingen. Er will denen daheim Bescheid sagen und sie belehren. Aber er vergißt dabei eine Tugend des Schriftstellers: Fragen zu – stellen. An sich, an diejenigen, die ihm begegnen, an die Leser. Er weiß Bescheid, er weiß längst schon besser Bescheid. Ganz am Anfang spricht er einmal "von meiner nur halblaut eingestandenen Ratlosigkeit, die mitfliegt". Dabei bleibt es.

Günter Grass am Ganges: das ist vor allem ein stilistisches Trauerspiel. Wem will er erzählen? Will er überhaupt? Niemand wird dem Autor vorwerfen, daß er keinen Schmutz mag – man kann sich vorstellen, daß Kalkutta in dieser Hinsicht mit Fontanes Venedig zu konkurrieren vermag. Ja, es ist genau das, was der Leser schon zu wissen glaubt. Und dann eine solche Beschreibung: "In dieser von Staats wegen gepflegten Anlage fallen verstreuter wie gehäufter Dreck besonders auf." Kommentarton, Kanzleistil.