Von Ulrich Schiller

Am 17. August, dem dritten Tag des republikanischen Parteikonvents in New Orleans, führte der Präsidentschaftskandidat George Bush seinen frisch erkorenen Bewerber um die Vizepräsidentschaft zum ersten Mal der Presse vor. Am selben Tage mußte Bush in seiner Funktion als US-Vizepräsident offiziell des pakistanischen Staatschefs Zia ul-Haq gedenken, der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war. Auch Bush kann demnächst Präsident sein, auch er könnte plötzlich ums Leben kommen. Und wenn ihn das Schicksal nur einen Atemzug nach der Ablegung des Amtseides träfe: Der Nachfolger hieße in diesem Augenblick James Danforth (Dan) Quayle III. So will es die amerikanische Verfassung.

Das Amt des amerikanischen Vizepräsidenten mag oft und über lange Strecken frustrierend sein oder gar belächelt werden. Sein Inhaber ist dennoch nur einen Herzschlag oder einen "Herzinfarkt", wie es im Volksmund heißt, vom Machtzentrum der westlichen Supermacht entfernt. An dieser Möglichkeit muß sich ein Vizepräsidentschaftskandidat messen lassen. Sie muß vor allem demjenigen vor Augen stehen, der sich in einer völlig autonomen Entscheidung seinen Teamgefährten aussucht. Mit der Entscheidung für Dan Quayle hat George Bush seine erste präsidiale Entscheidung getroffen. Sie spricht nicht für sein Urteilsvermögen.

"Das Leben hat es sehr gut mit mir gemeint, ich brauchte mich nie zu sorgen", sagte Dan Quayle nach seiner überraschenden Nominierung zum Vizepräsidentschaftskandidaten. Sein bisheriges Leben ist denn auch rasch beschrieben: Geburtsjahrgang 1947, Babyboom-Generation, Sproß einer mächtigen, reichen und konservativen Verlegerfamilie im Staate Indiana. Seinem Großvater Eugene Pulliam gehören drei einflußreiche Zeitungen in Indiana und in Arizona. Der Vater gibt in Dans Geburtsort die Huntington Herald-Press heraus. Die Kindheit ist behütet und für den freundlichen Sonnyboy vom Leben der kleinen Stadt Huntington im Mittleren Westen geprägt. Er absolviert das College der DePauw-Universität. Als die Einberufung droht und Dan in der Musterung "tauglich" befunden wird, gelingt es Bekannten mit ein paar Anrufen, seinen Eintritt in die Nationalgarde zu bewerkstelligen. Die Garde ist eine Art Heimwehr, die es Quayle ermöglicht, nebenher an der Law-school der Universität von Indiana Jura zu studieren. Das war 1969, auf der Höhe des Vietnamkrieges.

"Ich wußte ja damals nicht, daß ich heute hier stehen würde", sagte Dan Quayle 19 Jahre später in New Orleans, als er zum ersten Mal in journalistisches Kreuzfeuer gerät. Die Presse wollte von ihm wissen, warum er der Nationalgarde beigetreten war, die im allgemeinen nicht zum Frontdienst herangezogen wurde. Wollte Quayle mit seiner Bemerkung sagen, eine frühzeitige Ahnung von einer Vizepräsidentschaftskandidatur hätte ihn freiwillig in die Reisfelder von Vietnam ziehen lassen? Während des Jurastudiums heiratete Dan die Kommilitonin Marilyn Tucker; die Quayles haben inzwischen zwei Söhne und eine Tochter, alle drei Kinder adrett wie aus dem amerikanischen Bilderbuch. Es geschah 1976, daß Dan mit seiner frischen Art, seinem jungenhaften, guten Aussehen von republikanischen Ortsgrößen zu einer politischen Karriere bewogen wurde. Auf Anhieb gewann er einen Sitz im Repräsentantenhaus in Washington, und auch die Wiederwahl zwei Jahre später bereitete ihm keine Mühe. Wegen seines blendenden Aussehens hieß er zu Hause der "Roben Redford der Politik", was den liberalen Schauspieler freilich zu einem förmlichen Protest veranlaßte.

Im Repräsentantenhaus hinterließ der Abgeordnete Quayle keine nennenswerten Spuren, er galt sogar als faul. Das änderte sich jedoch schlagartig, als er 1980 mit der konservativen Reagan-Welle in den Senat gespült wurde. Immerhin war es ihm in einem geschickten Wahlkampf gelungen, einen so renommierten Titelverteidiger wie den Senator Bierch Bayh aus dem Felde zu schlagen, und auch 1986, als etliche Republikaner der ersten Reagan-Generation auf der Strecke blieben, behauptete Dan Quayle seinen Sitz im Senat. Er war fleißig, beharrlich und eloquent, sein Engagement in drei wichtigen Ausschüssen – Haushalt, Streitkräfte, Arbeitskräfte – zahlte sich aus. Für die Verabschiedung des Gesetzes über partnerschaftliche Arbeiterumschulung war er sogar der tonangebende Republikaner im Senat neben Ted Kennedy auf der Seite der Demokraten.

Im Streitkräfteausschuß befaßte sich Quayle mit Verbesserungen im Ausschreibungs- und Beschaffungsverfahren des Pentagon; er trat als Kritiker des INF-Vertrages hervor, ohne das Abkommen völlig abzulehnen. Schließlich rühmen seine Senatskollegen auch, daß sich Dan Quayle der undankbaren wenn auch notwendigen Aufgabe annahm, das Gestrüpp der sich überlappenden Ausschüsse und Unterausschüsse im Senat zu durchforsten. Er hatte den richtigen Eindruck gewonnen, daß Senatoren ab und zu auch Zeit zum Nachdenken brauchen. Nach der Bilanz seiner Abstimmungen im Senat liegt Dan Quayle, wie das congressional quarterly verzeichnet, zwischen 80 und 90 Prozent auf der Linie der Reagan-Regierung. Nur selten wich er vom Konsens seiner Parteifreunde ab. Er hat die Militärhilfe für die Contras genauso befürwortet wie Budgetzuwächse für das "Krieg der Sterne"-Projekt (SDI).