Von Ulrich Stock

Am 4. August 1988 schlug im Bonner Verteidigungsministerium so etwas wie eine Bombe ein. Es war dies der "erschütternde Notruf aus einem deutschen Naturschutzgebiet", veröffentlicht in der ZEIT 32/88. "Krieg im Wattenmeer" hieß die Überschrift, "Hubschrauber im Tiefflug, berstende Granaten – der Vogelwart von Trischen berichtet über den Alltag im Natio-Tiefflug,

Peter Todt, seit zehn Jahren jeden Sommer der einzige Mensch auf der Nordseeinsel Trischen, schilderte eindrucksvoll die Folgen von Waffentests der Bundeswehr in der Meldorfer Bucht. Todts Sorge galt dabei den 100 000 Brandgänsen, die alljährlich im August hier mausern und zu dieser Zeit nicht fliegen können. Da die Bundeswehr für die zweite Augustwoche ein Schießen angekündigt hatte, fürchtete er, daß "die Explosionen der Granaten und Raketen, die auch meine Vogelwärterhütte zum Schwanken bringen, die flugunfähigen Vögel in großer Menge töten werden".

Seine Befürchtung wurde nicht wahr; schon am Tag nach der Veröffentlichung blies das Ministerium das Schießen für den August ab, "aus technischen Gründen", wie es später hieß, nicht etwa den Tieren zuliebe. Die Entscheidung sollte nicht an die große Glocke gehängt werden; sie hätte als Eingeständnis aufgefaßt werden können. Das Moratorium wurde dennoch gleich bekannt, weil Schleswig-Holsteins Umweltminister Berndt Heydemann auf den Artikel hin in Bonn angerufen und von der Schießpause erfahren hatte. Er gab eine Erklärung an die Presse, in der er sich befriedigt zeigte, "daß damit erst einmal für die nächsten Wochen keine Gefahr für Seehunde, Brandgänse und andere Vogelarten" bestehe.

Mit diesem kleinen Geplänkel – Angriff, taktischer Rückzug, Stillhalten, Weiterschießen im September – hätte es sein Bewenden haben können, wenn die publizistische Granate des Vogelwarts nicht "Granattochtergeschosse" (ein Begriff aus der Sprache der Artillerie) nach sich gezogen hätte. Kaum war Todts Bericht erschienen, stand auf der Hardthöhe das Telephon nicht mehr still. Außer den vielen empörten Anrufen erhielt der zuständige Referent 50 Protestbriefe, zum Teil mit langen Unterschriftensammlungen.

Am Dienstag, dem 9. August, fünf Tage nach der Veröffentlichung, schickte das Ministerium nun auf einmal ganz schnell (per Telefax) der ZETT-Redaktion einen "Leserbrief" mit der Bitte, ihn "baldestmöglich zu veröffentlichen". Der Tenor von Todts Äußerungen, hieß es darin eingangs, sei geprägt von "unwahren Behauptungen", "billiger Polemik" und "böswilligen Unterstellungen". Im folgenden wurden dann Sachverhalte dementiert, die gar nicht behauptet worden waren ("Im Bereich der Seehundbänke wird zu keiner Zeit probegeschossen"). Substantiell schien die Stellungnahme allerdings in zwei Punkten zu sein:

1. Die Zielgebiete des Schießens "liegen weder in Mauser- oder Ruhezonen noch in speziellen Nahrungssuchgebieten von Vögeln".