Von Jerry Sommer

Hundert Jahre hat es gedauert, doch nun naht die Stunde der Wahrheit. Die spannendste Kriminalstory, die das Leben schrieb, neigt sich ihrem Ende zu. Der Täter kann dingfest gemacht werden. Damit jedenfalls brüstet sich der britische Drehbuchautor und Filmregisseur David Wiekes: "Die Möglichkeit, daß wir uns irren, ist fast gleich Null."

Neun Monate Recherchen und 20 Millionen Mark hat er sich die Aufdeckung der Identität von Großbritanniens bekanntestem Unbekannten, Jack the Ripper, kosten lassen. Im Herbst soll die gespannte Öffentlichkeit in Großbritannien, in den USA, in Australien, Schweden, Frankreich, und 14 weiteren Ländern, darunter voraussichtlich auch die Bundesrepublik, via Mattscheibe erfahren, wen Wiekes als den legendären Frauenmörder überführt hat – erst am Ende seiner vierteiligen Fernsehserie, versteht sich.

Die Ausstrahlung ist gut gezielt. Der Mythos wird hundert. Die grausamen Morde an fünf Prostituierten im Londoner East End, die "Jack, dem Aufschlitzer" zugeschrieben werden, fanden zwischen dem 31. August und dem 9. November 1888 statt. Der Mörder (oder war es eine Mörderin?) wurde nie gefaßt – das Ripper-Mysterium beflügelte die Phantasie.

Kunst und Literatur nahmen sich des Falles an. In den Werken von Arthur Conan Doyle, George Bernard Shaw, Frank Wedekind und Bert Brecht lebt Jack the Ripper fort. Theaterstücke und Musicals wurden von der Ripper-Story inspiriert. Hitchcock drehte 1926 "The Lodger" ("Der Untermieter") nach dem Stoff. Auch Stanley Kubrick bediente sich des mysteriösen Mörders. Dem General in seinem Film "Dr. Strangelove oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben" gab er den Namen, "Jack D. Ripper".

Seit hundert Jahren schreiben sich "Sachbuch"-Autoren die Finger wund an Jack. Morde sind schließlich kein Spaß, und Verbrechen dürsten nach Aufklärung. Der Umstand, daß der zeitliche Abstand zu den verruchten Taten immer größer wird, scheint die Entdeckung immer neuer Dokumente und Tatverdächtiger nur zu beschleunigen. Die "Rippenbogen" haben schon über 200 Bücher und Aufsätze zum Thema verfaßt. Die Zahl der Verdächtigen übersteigt die der Opfer inzwischen bei weitem.

War es ein Kannibale, wie ein amerikanischer Arzt 1888 mutmaßte? Oder eine Hebamme ("Jill the Ripper")? Hat, wie 1923 ein Klatschspaltenjournalist des vorrevolutionären Petersburg nach dem Studium geheimer Akten der zaristischen Behörden enthüllte, gar ein Spion der russischen Geheimpolizei namens Dr. Alexander Pedachenko die Morde begangen, um Scotland Yard lächerlich zu machen? Oder war Pedachenko, so die Theorie von Donald McCormick 36 Jahre später, ein agent provocateur, den der russische Geheimdienst zur Diskreditierung von revolutionären Exilanten in London eingesetzt hatte? Schließlich fand ein Ripper-Mord ganz in der Nähe des Vereinshauses russischer und polnischer Arbeiter statt...