Mindestens 40 Prozent aller Parteiämter und Mandate für die Frauen – das will der SPD-Parteitag nächste Woche in Münster beschließen. Unsere Autorin, Mitglied des SPD-Parteivorstandes und seit 1972 im Bundestag, wirft einen Blick zurück auf siebzig Jahre Kampf um die Gleichberechtigung in der Politik.

Vom Frauenwahlrecht zur Quotierung: Stationen eines langen Weges

Von Anke Martiny

Ich möchte hier feststellen..., daß wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa im althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist." Dies sagte, im Februar 1919, die erste Frau, die je in einem deutschen Parlament das Wort ergriff: die Sozialdemokratin Marie Juchacz.

Vorausgegangen war ihrer Rede ein jahrzehntelanger Kampf um das Frauenwahlrecht. Ein erstes Etappenziel wurde am 8. April 1908 erreicht, als der damalige Reichstag ein Vereinsgesetz verabschiedete, das den Frauen immerhin die Mitgliedschaft in Parteien und Gewerkschaften gestattete. Das aktive und passive Frauenwahlrecht wurde dann durch den "Aufruf des Rates der Volksbeauftragten an das deutsche Volk" vom 12. November 1918 eingeführt. Auf dieser Grundlage gehörten Frauen der verfassunggebenden Versammlung an – und zwar zu mehr als zehn Prozent; diese Verfassung wurde am 11. August 1919 von der Nationalversammlung bestätigt.

Schon das Vereinsgesetz war nur mit einer äußerst knappen Mehrheit angenommen worden. Hätte man im Reichstag frei über das Frauenwahlrecht abgestimmt, hätte es also die vorausgegangene Verordnung des Rates der Volksbeauftragten nicht gegeben, wäre 1919 das Frauenwahlrecht in Deutschland schwerlich Gesetz geworden, denn bis zum Wahltag gab es bei vielen kirchlichen und konservativen Gruppen Widerstand. Der Deutsche Evangelische Frauenbund zum Beispiel richtete einen Wahlaufruf an die Frauen, der so beginnt: "Evangelische Frauen haben in ihrer großen Mehrheit das Frauenstimmrecht nicht erstrebt. Nun es ihnen aber zugewiesen wird, haben sie es auszuüben als eine Pflicht, die ihnen auferlegt ist." Auch ein Aufruf im Reichsboten‚ der sich an die konservativen Frauen wendet, spricht von der "unerwünschten Last", die den Frauen "aufgebürdet" sei. Es ist fast ein Wunder, daß sich in allen Parteien überhaupt Frauen zur Wahl stellten.

Ein weiteres Hindernis – unter Reitern würde man es "Schikane" nennen – stand den Frauen im Weg: der männliche Spießbürger. Ein Flugblatt der Deutschen Demokratischen Partei sah das 1918 so: "Ob Du, dessen Wort in Deiner Familie gilt, einverstanden bist mit diesem neuen Wahlrecht? Du brauchst Deine Stellung im häuslichen Kreis nicht zu ändern! Bleib nur, der Du warst und der Du bist, aber hole Deine Frau und Deine Töchter heran, so ungewohnt es Dir auch ist, Politik mit ihnen zu besprechen!"