Ich liebe Inseln. Der Inselurlaub, so schön er ist, hat aber immer einen Nachteil: Zunächst muß man ankommen. Leider kann der Autotourist nach Elba, Korfu oder Bornholm nicht einfach mal so fahren wie nach Mittenwald, ins Salzkammergut oder in die Südtiroler Bergwelt. Eine häßliche Einrichtung hindert ihn daran. Die Autofähre!

Als klassisches Instrument der Abschreckungsstrategie wurde die Autofähre von Inselvölkern erfunden und von gewissenlosen Reedern kultiviert. Die Autofähre ist die letzte wirklich effektive Waffe in den Händen autonomer Inselnationen im Kampf gegen den imperialistischen Autourlauber aus Mitteleuropa.

Ich denke zum Beispiel an die Fahrt nach Seydisfjördur: drei Tage und Nächte im rumorenden Bauch des stählernen Fisches. Zwischen ein paar Dutzend Geländewagen und ausrangierten Amphibienfahrzeugen drängte sich unser kleines rotes Auto ängstlich an die Schiffswand. Drinnen kugelten die Fahrzeugbesitzer von Backbord nach Steuerbord. Grollend stampften wir der Urlaubsinsel entgegen, und jeder nordatlantische Brecher nahm uns ein Stückchen mehr von dem Glauben an ein gastliches Island, wie es die bunten Prospekte versprochen hatten.

Dabei kamen Erinnerungen an diverse Kanalüberfahrten hoch: Grölende Jugendliche und tanzende Schulklassen fehlen auf keiner Englandfähre. Sie gehören sozusagen zur Standardausstattung der britischen Beförderungsgesellschaften. Während der idealen Zeiten für ein entspannendes Nickerchen zwischen Calais und Dover entgeht kein Reisender jenen zahnspangentragenden und kopfhörerbewehrten Wesen, die hier – auf hoher See – mal so richtig die Sau rauslassen.

Aber die Möglichkeiten eines solchen Schiffs sind weitaus mannigfaltiger. Auf jeder Fähre gibt es sie, die reinrassigen Egoisten, die sich lang ausgestreckt auf Sitzbänken für fünf Personen lümmeln, während Dutzende anderer Passagiere verkrampft an der Reling kauern. Schlimmer: Auf der Fahrt nach Elba lieferte sich ein flirtendes Paar dergestalte Annäherungsversuche, daß verantwortungsvolle Eltern ihre minderjährigen Kinder unter Deck schickten, um sie vor sittengefährdenden Szenen zu schützen.

Überhaupt werden Autofähren vollgestopft mit Zeitgenossen, die einem schon in diesem frühen Anreisestadium die Urlaubslaune vergällen können und jede Passage zum Horrortrip machen: der Fernglasgucker, der bereits kurz nach dem Ablegen bohrend in Fahrtrichtung stiert, weil er als erster "Land in Sicht" rufen möchte; die sonnensüchtige Bikinidame, die die vier Stunden Überfahrt nach Korsika voll in ihren Bräunungsplan einkalkuliert hat und jeden Mitreisenden als störenden Schattenspender empfindet; die muffeligen Abwarter, die in der Cafeteria sitzen, dauernd auf die Uhr gucken und einem damit von vornherein die Urlaubsruhe rauben.

Ärgerlich ist obendrein, daß all diese Typen das gleiche Urlaubsziel haben wie man selbst. Die Fähre ist ein Nadelöhr: In den langen Warteschlangen vor dem geöffneten Schiffsmaul kommt der Porsche-Fahrer widerwillig neben dem kleinbürgerlichen Polo-Touristen zu stehen oder muß gar hinter einem alternativen VW-Bus-Globetrotter parken. Die zermürbende Zwangsgemeinschaft hält für Stunden an, erst am Zielhafen trennen sich schnellstmöglich die Wege. Dann und wann trifft man sich natürlich auf der Insel. "Ach, die von der Fähre", brummt man dann.