Nach dem Hormonskandal sollen die bäuerlichen Familienbetriebe besser geschützt werden.

Mit den Bauern haben wir nur Ärger: Steuerzahler und Verbraucher unterstützen die Agrarproduktion mit Milliardenbeträgen; zum Dank vergiften Landwirte das Grundwasser mit Gülle und Stickstoff, sorgen für die Verödung der Landschaft, liefern uns Fleisch mit Rückständen aus dem Chemielabor und züchten Hühner, Schweine und Kälber unter Bedingungen, die immer mehr Menschen als Barbarei empfinden. Der Kälbermastskandal ist nur eine der Begleiterscheinungen für das Hineinwachsen der Landwirtschaft in die industrielle Fließbandproduktion, die mit den Bauernhöfen aus den Bilderbüchern nichts mehr gemein hat.

Damit ist in Verruf geraten, was die europäische Agrarpolitik seit Jahrzehnten fördert: die intensive Agrarproduktion. Indem die EG die Preisrelationen zwischen einheimischem Futtergetreide und den nicht von Marktordnungen erfaßten Futtermitteln aus Übersee zugunsten des Importfutters verzerrte, schuf sie die Voraussetzungen dafür, daß in der Nähe der großen Häfen in Flandern, den Niederlanden und in Niedersachsen riesige Agrarfabriken entstanden. Dort werden auf nicht einmal sechs Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche beispielsweise über dreißig Prozent aller EG-Schweine gemästet. Dort werden deshalb die tierischen Exkremente zum gefährlichen Sondermüll, und dort entwickelte sich für Tausende kleiner und mittlerer Betriebe in anderen Regionen eine Konkurrenz, der sie nicht länger gewachsen sind.

Um unzufriedene Kleinbauern und verstörte Konsumenten zu beruhigen, ziehen die Politiker jetzt reihenweise Gesetzentwürfe aus der Schublade. Den Verbrauchern versprechen sie eine bessere Lebensmittelkontrolle, den chronisch über Geldnot klagenden Familienbetrieben winken sie mit Schutzparagraphen und neuen Subventionen.

Schon vor dem Hormonskandal hatten Länder wie Bayern und Niedersachsen, aber auch der Bund Gesetze vorbereitet, die den bäuerlichen Familienbetrieb vor den industriellen Agrarproduzenten in Zukunft besser schützen sollen. Neben einem vermeintlich besseren Umweltschutz durch Familienbetriebe wird jetzt auch der Kälbermastskandal vor den Steuerzahlern herhalten müssen, neues Geld für die Bauern lockerzumachen.

Der Ansatz ist falsch. Bäuerliche Familienbetriebe bieten nicht automatisch eine Gewähr für eine umwelt- und artgerechte Agrarproduktion. Auch ökonomisch lassen sich die Gesetzesvorhaben nicht rechtfertigen. Sie laufen darauf hinaus, den Strukturwandel in der Landwirtschaft zu bremsen oder gar zu stoppen. Das ist nur teuer und höchstens dann sinnvoll, wenn es um Wählerstimmen geht.

Gegen Umweltverschmutzung und Tierquälerei helfen nur Verbote und strikte Auflagen. Es ist an der Zeit, den Bauern endlich die sozialen Kosten anzulasten, die sie durch übertriebenen Einsatz von Technik und Chemie verursachen. Dann wird sich zeigen, ob die Massenproduktion von Fleisch, Gemüse und Getreide wirklich so vorteilhaft ist, wie es heute den Anschein hat, oder ob die traditionelle Landwirtschaft auch ohne ausufernde Subventionen konkurrenzfähig ist.

Ausgerechnet einige oppositionelle Bauern haben das längst erkannt und erweisen sich heute als die besten Unternehmer. Sie verhalten sich marktgerecht und produzieren so, wie es immer mehr Verbraucher verlangen. Dafür können sie zu Recht auch höhere Preise verlangen (siehe Seite 23). Fritz Vorholz