Wird der Kampf um die Wiederzulassung der Solidarność zur Zerreißprobe?

Von Helga Hirsch

Als das Telephonat nach Warschau endlich zustande kam, hatte Innenminister Czeslaw Kiszczak gerade seine Rede im polnischen Fernsehen beendet. "In Kattowitz, Stettin und Danzig dürfen sie jetzt die Polizeistunde einführen", berichtete Barbara K. offenbar ungerührt durch die Leitung, "außerdem kann das Militär notfalls eingesetzt und jeder Störer der Ordnung im Schnellverfahren verurteilt werden. Aber richtig zuzuschlagen, getrauen sie sich nicht. Wir hätten sowieso schon bald den Kopf wieder oben."

Mit erstaunlich ruhiger Entschlossenheit wartet die polnische Bevölkerung auf den Ausgang des Kräftemessens, das mit den neuen Streiks seit Wochenbeginn auf eine landesweite Konfrontation zwischen Regierung und Solidarność zuzutreiben droht.

Noch am Sonntagmorgen, nach dem Gottesdienst in der Danziger Brigittenkirche, hatte Lech Walesa die Wogen zu glätten versucht. Er forderte von den Arbeitern eine Woche Bedenkzeit vor weiteren Solidaritätsstreiks, um der Regierung eine Chance für ein Verhandlungsangebot zu geben. Erst der Druck der Versammelten zwang ihn, das Ultimatum zu ändern und von Warschau ein Zeichen des Einlenkens schon bis zum Abend zu verlangen.

Die Arbeiter sind mit ihrer Geduld am Ende. Anders als bei den Arbeitsniederlegungen im Mai handelt es sich diesmal nicht um lokal beschränkte und weitgehend isolierte Aktionen einzelner Belegschaften. Im schlesischen Kohlegebiet streiken 14 Gruben, in Stettin ruht die Arbeit im Hafen und bei den Verkehrsbetrieben, in Danzig schlossen sich die Hafenarbeiter ihren Werftkollegen an, in Posen stehen einzelne Abteilungen der Cegielski-Werke still. Angeblich ruht die Arbeit auch in einigen Fabrikhallen der Traktorenwerke Ursus und des Stahlwerks Huta Warszawa. Seit Montag dieser Woche steht Polen erstmals seit 1980 wieder vor einer großen Auseinandersetzung zwischen der Bevölkerung und dem Partei- und Regierungsapparat. Und wie vor acht Jahren entzündete sich in diesen Augusttagen der bittere Streit an demselben Problem: Hat Solidarność, hat eine freie Gewerkschaft eine Chance in einem sozialistischen Land?

Als die Danziger Leninwerft im Sommer 1980 in das Blickfeld der Weltöffentlichkeit geriet, weil streikende Arbeiter die Zulassung einer selbstverwalteten Gewerkschaft forderten, reagierten Ost wie West verwirrt und erstaunt. Eine selbstbestimmte Organisation in einem Land mit einer Einparteienherrschaft – war das nicht ein Widerspruch in sich? Wie sollte ein System, das Politik und Wirtschaft möglichst umfassend beherrschen und kontrollieren will, einer unabhängigen Initiative auch nur den kleinsten Raum zugestehen? Was kaum jemand für möglich gehalten hatte, trat ein: Unter dem Druck der Bevölkerung mußte die kommunistische Partei Solidarność 16 Monate lang tolerieren, bevor sie die Gewerkschaft mit Soldaten und Panzern auflöste und in den Untergrund abdrängte.