Von Hans Haltmeier

Genau 5,11 Milliarden Menschen, so die jüngste Schätzung der Vereinten Nationen, bevölkern derzeit die Erde. Jede Minute kommen 150 Menschen dazu, jeden Tag eine Stadt wie Kiel oder Bonn, jedes Jahr die Bevölkerung von Mexiko oder Pakistan. Ein Ende des exponentiellen Wachstums, das vor allem in den Entwicklungsländern stattfindet, ist nicht absehbar. Bereits 1972 rief die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein Sonderprogramm zur Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der menschlichen Fortpflanzung ins Leben. Mit einem bescheidenen Jahresetat von rund 18 Millionen US-Dollar arbeiten 392 Wissenschaftler an neuen Methoden der Familienplanung, die insbesondere für die Länder der Dritten Welt geeignet sind.

Auf der Suche nach möglichst sicheren, billigen und einfach anwendbaren Empfängnisverhütungsmitteln verfolgt eine WHO-Forschungsgruppe seit Jahren das Prinzip der aktiven Immunisierung, einer Schutzimpfung also. Geimpft wird gegen ein Hormon, das im Frühstadium der Schwangerschaft von der äußeren Zellschicht des Embryos, dem Trophoblasten, gebildet und ins Blut ausgeschüttet wird. Dieses sogenannte humane Choriongonadotropin (hCG) reguliert bereits kurz nach der Einnistung des Embryos in die Uterusschleimhaut wichtige Prozesse, etwa die Ausschüttung anderer körpereigener Signalstoffe, die für das Überleben des Keimes notwendig sind. Obwohl das "Schwangerschaftshormon", wie man heute weiß, auch von der Hypophyse nicht schwangerer Frauen und, in Spuren, sogar im Mann produziert wird, gilt der Nachweis von hCG im Urin als derzeit empfindlichste und schnellste Diagnose einer Empfängnis.

Der Signalstoff hCG soll durch eine gezielt gesteuerte Fehlreaktion der Immunabwehr, nämlich von künstlich erzeugten Antikörpern der Mutter, abgefangen und inaktiviert werden. Die Entwicklung des Embryos würde im sehr frühen Stadium einer kleinen Zellblase, der Blastocyste, gestoppt, der Keimling während der anschließenden "normalen" Menstruation abgestoßen.

Wie jede körpereigene Substanz ist aber auch das embryonale Hormon hCG für das Immunsystem der Mutter tabu, da der heranreifende Organismus sonst zerstörerischen Immunattacken ausgesetzt wäre. Um dem Immunsystem hCG als Angriffsziel dennoch "schmackhaft" zu machen, bauten Wissenschaftler ein Teilstück des Hormons künstlich nach, und koppelten es an einen körperfremden Träger, das entschärfte Gift des Diphterie-Erregers Corynebakterium diphteriae.

Die erste klinische Studie an dreißig, infolge einer Sterilisation nicht mehr zeugungsfähiger Frauen bestätigte jetzt, daß eine Impfung mit diesem trägergekoppelten hCG-Fragment im Menschen spezifische Antikörper gegen das embryonale Hormon hervorruft (The Lancet, Bd.318/88, S.1295). Die Antikörper "erkannten" nur hCG und ließen andere, sehr ähnlich gebaute Hormone unbehelligt. Zudem wurde eine Antikörperkonzentration erreicht, die – rein rechnerisch – bei einer eventuellen Schwangerschaft das hCG vollständig neutralisieren könnte. Die Menge der Antikörper war allerdings relativ schnell, nach etwa sechs bis zehn Monaten, wieder abgeklungen. In einer Testperson kam es zu immunologischen Komplikationen durch das Trägereiweiß, das denaturierte Diphteriegift. Wie aus einem soeben erschienenen Bericht (Research in Reproduction, WHO, Genf 1988) hervorgeht, ist bereits ein verbesserter Impfstoff im Tierversuch vorgetestet worden, der noch längere Wirksamkeit bei verminderten Nebenwirkungen erwarten läßt.

Trotz dieser ersten Erfolge wird eine Schutzimpfung gegen Schwangerschaft noch lange auf sich warten lassen. So ist bisher noch ungeklärt, ob das Immunsystem, einmal auf hCG angesetzt, bei einer späteren, gewollten Schwangerschaft eventuell unerwartet reagiert und stört. Und wird auch immer die Antikörperbildung in jedem Individuum ausreichend sein, um die Entwicklung des Embryos vollständig zu stoppen? Sind möglicherweise sogar Schäden bei Neugeborenen zu befürchten? Sind überhaupt alle Funktionen von hCG lückenlos bekannt, um Nebenwirkungen, herbeigeführt durch seine Inaktivierung, auszuschließen?