Von Marion Gräfin Dönhoff

Genscher, der Super-Schlangenmensch, so lautete in der vorigen Woche der Titel eines Leitartikels der Washington Post, den dann International Herald Tribune rund um die Welt verbreitete. Der Artikel beginnt mit dem Satz: "Entgegen der Hoffnung von Nato-Strategen hat die Welle Gorbatschowscher Popularität in Westdeutschland noch immer nicht den Höhepunkt erreicht." Es muß offenbar sehr schmerzlich für die Nato sein, sich von liebgewordenen Feindbildern zu trennen.

Wie war es doch vordem mit Feindesbildern so bequem... Alles war so viel leichter: Die Militärs spielten die erste Geige, alle Einwendungen konnten sie mit dem Argument entkräften: Davon versteht ihr nichts, das können nur wir Fachleute beurteilen; Armee, Luftwaffe, Marine bekamen, was immer sie für lebenswichtig hielten.

Da haben wir also jahrzehntelang die Militarisierung der Außenpolitik beklagt und mit Skepsis die Eskalation des Wettrüstens beobachtet, und jetzt, wo sich endlich abzeichnet, daß Politik und Diplomatie in der Außenpolitik wieder zu ihrem Recht kommen, da bricht Mißtrauen im Bündnis aus.

Man fragt sich, was aus der Allianz werden soll, wenn ein angesehener Kolumnist der westlichen Führungsmacht den langjährigen Außenminister des wichtigsten europäischen Verbündeten als verlogenen, unzuverlässigen Partner verleumden kann: "Die eigentlich drängende Frage der Nato lautet nicht, können wir Gorbatschow trauen, sondern können wir einem Genscher trauen, der auf beiden Schultern trägt?" Oder: "Das, worum es ihm geht, ist nicht die gerechte Sache, nicht Entspannung, sondern seine eigene Person." Und am Schluß jenes Artikels sagt Jim Hoagland: "Die berechtigten Zweifel an Herrn Genscher beziehen sich nicht auf seine Loyalität, sondern auf seine Integrität." Ein solches Urteil hat nichts mehr mit sächlicher Kritik zu tun – man kann es nur noch als Unverschämtheit bezeichnen.

Zu diesem aufgeregten Gezeter ist dreierlei vonnöten: erstens ein Wort zu Genschers Haltung, wie sie sich über die Jahre manifestiert hat; zweitens eine Bemerkung zur gewandelten Einstellung Amerikas gegenüber der Sowjetunion und drittens ein paar historische Anmerkungen.

Zunächst also Genscher. Er ist schon 1970 ein Protagonist von Willy Brandts Ostpolitik gewesen und hat dann über die Wende von 1982 hinaus für Kontinuität gesorgt. Aber die Europa-Idee hat er darüber nie vergessen. Mit großer Verbissenheit hat er an dem Europaplan festgehalten, den er zusammen mit dem italienischen Außenminister Colombo 1981 entworfen hatte und der die Grundlage der Zielprojektion 1992 bildet.