Von Gunhild Lütge

Für viele Unternehmen ist Erich J. Lejeune die letzte Rettung: "Hilfe, wir brauchen Chips, koste es, was es wolle", so kommen die Notrufe aus den Betrieben. Der Chef der Consumer Electronic in München agiert als Broker im internationalen Chipgeschäft. Dort gibt es – genau wie beim Rohöl – einen Spotmarkt, auf dem die elektronische Ware direkt und zu aktuellen Preisen gehandelt wird.

Die winzigen Siliziumplättchen sind der neue Rohstoff, ohne den in vielen Fabriken nichts mehr geht. Und er ist derzeit knapp, sehr knapp sogar – und teuer. Wer – anders als die großen Abnehmer – keine langfristigen Lieferverträge mit Herstellern hat oder mit dem vereinbarten Kontingent nicht auskommt, muß zahlen oder die Produktion seiner Geräte drosseln.

Wie knapp Mikrochips geworden sind, wurde Bernhard Schneider schon vor wenigen Monaten klar. Der Chef der Schneider Rundfunkwerke AG mußte fast seinen Plan aufgeben, mit dem Bau von Mikrocomputern zu starten, weil ihn niemand mit Chips versorgen wollte. "Bei zehn Herstellern sind wir abgeblitzt. Dann hat uns Siemens geholfen." Die Preise auf dem Spotmarkt hätte er nicht bezahlen können.

So erging es nicht nur Schneider. Betroffen von der Versorgungskrise ist die gesamte Computerbranche. Aber auch andere Industriezweige,, wie Auto- und Maschinenbauer oder die Unterhaltungselektronik, bauen immer mehr Chips in ihre Produkte ein. Insgesamt sind schon fünf Branchen mit einem Umsatz von zusammen fünfhundert Milliarden Mark und drei Millionen Beschäftigten von dem neuen Rohstoff abhängig. Ihre Lieferanten sitzen allerdings nicht im Nahen, sondern im Fernen Osten oder Westen. Denn europäische Unternehmen haben zur Chipversorgung wenig beizutragen. Den Markt teilen sich Amerikaner und Japaner. Für Europa heißt das, daß zwei Drittel aller elektronischen Schaltungen, auch Halbleiter genannt, aus Übersee importiert werden müssen.

Bei den Speicherbausteinen der standardisierten Massenware hängt der Rest der Welt fast ausschließlich von Japan ab. Amerika, das Land der Elektronik-Pioniere, konnte die Führungsrolle nur noch bei Mikroprozessoren halten. Sie steuern Abläufe nicht nur in Rechnern, sondern auch in Raketen, Waschmaschinen oder Autos, stecken in Musikinstrumenten und mittlerweile selbst in Turnschuhen. Speicher können hingegen Daten aufbewahren, und das in riesigen Mengen. Auf ein fingernagelgroßes Siliziumplättchen paßt heutzutage der Inhalt eines Taschenbuches.

Ein Auto ist schon heute mit der Speicherkapazität von fünf Heimcomputern ausgestattet. Und in den neuen, flimmerfreien Fernsehgeräten stecken heute fast zehnmal so viele Bausteine wie in den Mikrocomputern der ersten Stunde. Die nächste Gerätegeneration, das sogenannte High Definition TV, wird ein regelrechter Chipfresser sein und sich in seiner Speicherkapazität kaum noch von normalen Kleinrechnern unterscheiden.