Es war in einem Film, einem Krimi aus Amerika, im Jahr Neunzehnhundertfünfundsiebzig. Al Pacino und seine Komplizen rannten in eine Bank, ließen sich den Tresor öffnen, fanden ihn fast leer und beschlossen, dazubleiben. Sie nahmen die Kunden und Angestellten der Bank als Geiseln und verschanzten sich in dem Gebäude. Die Polizei fuhr vor. Das Fernsehen fuhr vor. Die Reporter kamen gelaufen. Eine Menschenmenge versammelte sich. Al Pacino trat vor den Eingang und warf Geldscheine unters Volk. Er erzählte den Reportern von seinem verpfuschten Leben, seiner hoffnungslosen Liebe. Die Menge jubelte Pacino zu. Die Polizei gab ihm ein Fluchtauto. Am Flughafen schnappten sie ihn, sein Komplize wurde erschossen. Der Film hieß "Hundstage", nach der Jahreszeit, in der er spielte. Die Geschichte, die Sidney Lumet erzählte, hatte sich wirklich ereignet: ein authentischer Fall.

Dann geschah es an den Hundstagen im August dieses Jahres, im deutschen Fernsehen und vor aller Augen. Zwei Männer überfielen eine Bank, nahmen die Angestellten als Geiseln. Die Polizei stellte ein Fluchtauto. Die Gangster kaperten einen Linienbus. Einer der beiden zerrte ein kleines Mädchen vor die Kameras und hielt ihm eine Pistole an die Schläfe. Dann wurde ein Junge erschossen und weggetragen, wir sahen ihn bluten. Später ließen sich die beiden Männer ein neues Fluchtauto geben, nahmen zwei Mädchen als Geiseln und fuhren mit ihnen in die Kölner Innenstadt. Ein Gangster drückte einem Mädchen die Pistole in den Hals, wir sahen die Angst auf ihrem Gesicht. Wir sahen alles, wir waren dabei. Die beiden Männer gaben Interviews, wir hörten ihnen zu. "Hundstage", zweiter Teil: Leben und Sterben in Deutschland. Ein authentischer Fall.

Der Film ist vorüber, die Sendung ist aus. Aber kein Vorhang fällt, nirgendwo erscheint "The End", und es wird auch nicht hell im Saal. Denn der Junge im Bus und das Mädchen im Wagen sind tot, und kein Kommentar, kein Protokoll und kein xeroxkopierter Protestbrief können sie wieder lebendig machen. Was wir in Wahrheit mitangesehen haben, als wir "das Geiseldrama" betrachteten, war eine Exekution. Eine Aus- und Aufführung, die Aufführung des Todes zweier Menschen und der Todesangst vieler anderer, die sich nicht verstecken konnten vor den Fernsehkameras und Photoapparaten, in denen sich jedes Zucken, jede Qual und Demütigung der Opfer in sendefähiges und heiß begehrtes Material verwandelte, also in etwas, das nach Belieben ge- und verkauft werden kann, in eine Ware.

Die heißeste Ware in unserer lebensmüden Tischlein-deck-dich-Bildschirm-streck-dich-Welt aber ist das Leben selber. Da, wo es wieder spannend und gefährlich wird, wo es am Abgrund geht und zum Tode führt – da ist es wieder Nachricht, Aufmacher, Zeitungsphoto, grausam und erregend. Der Satz des Reporters Müller im ARD-Nachtstudio: "Ich fahre hier als erster Wagen hinter dem Bus", die rhetorische Frage an den Geiselnehmer: "Ans Aufgeben denken Sie doch wohl nicht?", die Bild-Schlagzeile über dem Photo von Silke Bischoff ("2 Stunden später war sie tot") und auf der gleichen Seite die Entdeckungen des Sexualforschers Otto ("Es gibt 14 Arten von Orgasmus") – das ist es, das ist Leben und Sterben live aus Deutschland, cool recherchiert und brandheiß serviert.

Wir sind alle Profis, als Reporter wie als Zuschauer, vor und hinter der Kamera. Wenn jemand ganz unprofessionell Leute umbringt oder Todesangst hat, dann schauen wir erst einmal genau hin, um auch nichts zu verpassen. Das haben wir im Kino geübt und im Fernsehen auswendig gelernt. Das Leben – ein Film. Und wenn es Tote gibt, dann war jemand anders (die Polizei, der Minister) eben nicht professionell genug. Der Kölner Journalist, der sich in das Auto der Geiselnehmer setzte, um seine magnifique reportage schreiben zu können, war ein Profi, die Photographen, die den Wagen umringten, um "ihre" Aufnahmen schießen zu können, waren es auch. Nur Amateure würden an Stelle des Interviews ein Gespräch führen, um ein Leben zu retten.

So etwas würde uns, den Profis, natürlich nie unterlaufen. Schließlich sind wir nicht für die Opfer, sondern für die Story zuständig; Zuschauer, nicht Zeugen. Deshalb sehen wir uns ja so gerne die Krimis im Spätprogramm an. Das sind Filme für Profis: blutig, aber sauber inszeniert. Mit denen vertreiben wir uns die langen Sommer- und Herbstabende bis zum nächsten Geisel- oder Familiendrama. Fernsehtage, Tage des Sehens. Hundstage. Andreas Kilb