Zauberklang oder Schöngeist, das ist hier die Frage. Aber im Grunde ist es keine Frage, denn daß Zauberklang ernsthaft in Gefahr kommen könnte, daran glaubt eigentlich niemand. "Schöngeist hat letztesmal wegjemacht, aber der kannet", hören wir. Vom Traber-Derby der DDR ist die Rede, und Ort des Geschehens ist die traditionsreiche Trabrennbahn Karlshorst. Zauberklang, Schöngeist und Traumreise sind dreijährige Traber, die als Favoriten für das "Blaue Band" der DDR gehandelt werden. Die Pferdenamen sind hier deutscher als im Westen, wo unlängst Tornado Hanover vor Heaven das Derby gewann.

Derby-Tag, das ist auch in Berlin-Hauptstadt ein Feiertag für die Traberfans. Etwa 10 000 Zuschauer haben sich an diesem heißen Augusttag auf den Weg in die Wulheide gemacht, wo die ersten Pferderennen schon um 1910 über den Kurs gingen. In den Parkanlagen steht das Denkmal eines Steeplers. Früher war die Karlshorster Bahn auch eine Hindernisbahn. Am Eingangsportal betreten wir eine Klassengesellschaft. Loge, Rang und Stallplatz. Als wir unsere Plätze auch tatsächlich einnehmen wollen, rücken diejenigen, die auf unseren Plätzen sitzen, maulend zur Seite.

Auf der Mariendorfer Trabrennbahn im Westteil der Stadt findet an diesem Sonntag der Moderenntag des KaDeWe, Kaufhaus Des Westens, statt, und als sei es eine Art von Gegenrenntag, betreten nun auch in Karlshorst die Mannequins von der Modegruppe "Na Und" vom VEB Modedruck Gera den Laufsteg.

Gleich im ersten Rennen dieses Derbytages kommen die Zweijährigen, die Kinder des Rennsports, an den Start. "Na, det wird ein Jehoppel geben", meint skeptisch ein Karlshorster Zocker bezüglich der Trabsicherheit der jungen Pferde. "Rio Grande?" fragen wir fachmännisch unseren Nebenmann, weil wir kaum ausreichende Informationen in dem dünnen Rennprogramm finden. "Ja, die Tomzik is jefährlich."

Also gut, Rio Grande auf Platz. Wir gehen vorsichtig mit unserem Pflichtumtausch um. Nicht etwa, weil wir Angst haben, beim Wetten zu verlieren. Ganz im Gegenteil. In Karlshorst zu gewinnen, muß das Trauma des Westzockers sein. Kaum auszudenken, was geschieht, wenn man hier die langersehnte fünfstellige Quote erwischt. Lieber auf Platz wetten.

In einer langen Schlange müssen wir uns anstellen. Die Reihen sind nach Wettart und Einsatz vorsortiert. Hätten wir uns für einen höheren Einsatz entschieden, entfiele die Wartezeit. Auch im Sozialismus setzt man auf das kleine Glück. Warteschlangen auch beim Bier und beim Eis. Fachsimpeleien, Zockergeschichten, die utopische Kraft des Konjunktivs herrscht auch hier. Rio Grande "macht nicht weg" und erkämpft uns einen schönen dritten Platz. Unseren Kleingewinn müssen wir an der Rückseite des Schalters abholen, an dem wir den Tip abgegeben haben. Natürlich geraten wir in die falsche Schlange, aber wir nehmen befriedigt zur Kenntnis, daß wir nicht die einzigen sind, denen das Mißgeschick unterläuft. So wurde auch schon vor dem Krieg gewettet. Keine Computerkassen, keine Bildschirm-Vorquoten. Die Abstände zwischen den Rennen betragen mehr als eine halbe Stunde. Es bleibt gar nichts anderes übrig, als die Spannung vor dem nächsten Heat in Gelassenheit zu verbringen.

Der Trabrennsport fristet in der DDR ein Schattendasein. Die dreizehn Starter des Derbys weisen nur drei verschiedene Hengste als Vaterpferde auf, was zeigt, auf welch schmaler Basis in der DDR Traberzucht betrieben wird. Dabei hatte man nach dem Krieg viele der großen Berliner Gestüte übernommen. Die seinerzeit vorbildlich geführten des Verlegers Bruno Cassirer, Damsbrück und Lindenhof, firmieren heute noch unter diesen Namen, mit einem "VE-Rennstall" vorweg. Etwa 200 Traber tummeln sich in 23 volkseigenen Rennställen. Die Trabergemeinde in Karlshorst, der einzigen Trabrennbahn der DDR, ist eine kleine, aber eingeschworene Gemeinde. Viele Trainer, so die Routiniers Bandermann, Gläser, Schmidtke, waren auch schon vor dem Krieg im Sulky erfolgreich. Ein paar der Gefährte, mit denen sie ins Rennen gehen, stammen aus dieser Zeit.